Die Gewalt in DDR-Familien, die wir nicht sehen wollten
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Titel: Die Möglichkeit von Glück
Autorin: Anne Rabe
Verlag: Klett-Cotta
Viele, die mit und nach der Wende aufgewachsen sind, tragen Erfahrungen in sich, die sie lange nicht zuordnen konnten. Autorität war selbstverständlich. Härte wurde nicht hinterfragt. Und das Schweigen, über alles, was schwierig war, war oft lauter als jede Antwort.

Häusliche Gewalt in der DDR
Heute las ich mal wieder einen Artikel über die steigenden Zahlen häuslicher Gewalt. „Häusliche Gewalt“, ein Begriff, der nahezu verniedlichend klingt. Dabei ist es vor allem eines: Gewalt. Körperliche, ja. Aber auch emotionale und psychische Gewalt, die wir viel zu oft ausblenden. Dafür brauchen wir mehr Bewusstsein. Aber woher soll das kommen, wenn wir uns so schwer tun, genau hinzusehen. Auch auf unsere Herkunft und die Dinge, die in der Kindheit schwer auszuhalten waren? Da steckt viel Scham, und auch der Wunsch, das alles hinter sich zu lassen. Irgendwie verständlich, oder?
Ich habe mehrere Anläufe gebraucht, um dieses Buch wirklich zu lesen. Dabei ging es gar nicht ums Buch selbst. Ich hab mehrfach abgeblockt, war gelangweilt, hab abgewinkt. Brauch’ ich nicht… Nicht mein Thema. NICHT MEIN FUCKING THEMA … Ja, wirklich?
„Die Möglichkeit von Glück“ ist nicht nur gut geschrieben. Es bohrt nach innen, es erinnert. Genau deshalb wollte ich nicht hinsehen.
Schweigen, Härte, Anpassung. DDR-Erziehung prägt
Jahrelang dachte ich: Das betrifft mich nicht. Ich war doch viel zu jung für die DDR. Bis ich dann gelesen habe, dass Anne Rabe, die Autorin, nur wenige Monate älter ist als ich. Wir sind Kinder der Wende. Lass das mal wirken: Wendekinder. Das bedeutet mehr, als ich mir lange eingestehen wollte. Zu klein, um die DDR bewusst erlebt zu haben, aber alt genug, um von ihr geprägt zu sein. Durch Familie, Schule, Erziehung, durch all das, was nicht ausgesprochen wurde und durch ein System, dessen Nachwirkungen noch lange spürbar sind.
Ich schreibe diesen Text als jemand, der selbst in einer DDR-Familie aufgewachsen ist. Mit allem, was dazu gehört: den Kämpfen der Eltern für und gegen das Regime (ja, bei uns gab es beides), der massiven Arbeitslosigkeit nach dem Mauerfall, der Unsicherheit und den Existenzängsten. Ein eigenes, bewusstes DDR-Gedächtnis habe ich nicht, aber was ich habe, ist geerbtes Schweigen und geerbte Angst.
Und schon sehr früh hatte ich das Gefühl: Hier stimmt etwas nicht. Aber niemand spricht es aus.
Transgenerationales Trauma in Ostdeutschland verstehen
In „Die Möglichkeit von Glück“ geht es genau um das, was zwischen den Generationen weitergegeben wird. Um Erbe, Prägung, Haltung. Anne Rabe erzählt von einer Gewalt, die in Familien Alltag war, ohne dass sie so benannt wurde. Gewalt als Erziehungsmittel. Gewalt als Ventil. Gewalt, weil man es selbst nicht besser wusste. Weil man nichts anderes gelernt hatte als Durchhalten.
„Was Tim und ich uns erzählen, wenn wir über unsere Kindheit sprechen, sind Geschichten davon, wie wir gelernt haben, still zu sein.“
So fühlt sich dieser Roman an: wie eine Geschichte, in der das Atmen schwerfällt. In der die Luft dick ist von Erwartungen, Widersprüchen und Sprachlosigkeit.
Die Protagonistin, wie Anne Rabe selbst Kind der 80er, wächst in einer Familie auf, in der es kein offenes Sprechen und keine Sicherheit gibt. Gewalt gehört dazu. Körperliche, in Form von Schlägen und Demütigung, genauso wie psychische Gewalt: das Abwerten, Übergehen, das „Hab dich nicht so“ oder „Stell dich nicht an“. Immer mit einem Ziel: aus dem Kind „etwas zu machen“. Oder zumindest: dass es funktioniert.
Rabe sagt in einem Interview mit der Berliner Zeitung:
„… zum Beispiel Kindesmisshandlung, da wurde die Forschung in der DDR eingestellt, auch sexualisierte Gewalt war in der DDR tabuisiert, auch dazu gab es keine Studien, nur eine lose Sammlung von Fragebögen von Bürgerrechtlerinnen.“
Gewalt und Schweigen in DDR-Familien
Was Rabe zeigt, ist das System dahinter: die Dynamik, die sich über Generationen zieht. Ein System, in dem Kinder still sein müssen, damit die Eltern nicht explodieren. Wo keine Widersprüche erlaubt sind. Wo Loyalität wichtiger ist als Selbstschutz. Wo „Zuneigung“ und „Zurechtweisung“ oft kaum noch zu unterscheiden sind.
Die Autorin zeigt, wie Gewalt in vielen Formen wabernd und allgegenwärtig ist: Sie erstickt, umschlingt und hinterlässt Narben, die weit über die Kindheit hinausreichen. Gleichzeitig offenbart das Buch die stummen Loyalitätskonflikte und das Schweigen, das viele Familien prägte.
Emotionale Gewalt in DDR-Kindheiten
Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der man sich zusammenreißen musste. „Jetzt hab dich mal nicht so“ … ein Satz, den ich oft hörte. Gerade fällt mir dazu ein Reim ein, den unsere Kindergärtner*innen beim Mittagsschlaf sangen:
„Kleiner Schelm bist du, weißt ja, was ich tu,
stecke dich in Hafersack und bind’ dich schluppe zu.
Wenn du dann noch schreist: Mach doch, bitte, auf!
bind’ ich dich noch fester zu und setz’ mich oben drauf.“
Klingt harmlos? Das zeigt sehr deutlich, wie Gewalt oder Machtmissbrauch manchmal verschleiert und verharmlost werden können. Das macht es so eindringlich und verstörend.
Vor allem rückblickend verstörend, dann damals war so vieles normalisiert. In meiner Kindheit gab es beispielsweise diesen einen Jungen im Dorf, der immer wieder abhaute. Die Erwachsenen sagten: „Der wird zu Hause geschlagen.“ Doch es wurde nicht eingegriffen. Es wurde einfach hingenommen. So war das eben.
Emotionale Gewalt wurde gar nicht erst thematisiert. Sie bleibt unsichtbar und führt dennoch zu noch mehr Gewalt. Nach außen, und vor allem nach innen.

„Hab dich nicht so“
Ich habe mich oft wiedererkannt in den Gesprächen, die Rabe beschreibt. In der kühlen Distanziertheit, dem ständigen Druck, sich anzupassen. Dieses unausgesprochene Gefühl: Ich muss aufpassen. Sonst passiert etwas.
In einem Interview mit Fluter sagte Anne Rabe:
„Es gab den Nationalsozialismus, dann die sowjetische Besatzung, dann die DDR. Das waren 56 Jahre Diktatur. Drei Generationen, die gar nicht erst gelernt haben, miteinander zu sprechen.“
Dieses Schweigen wirkt bis heute nach. In unseren Körpern, in unseren Beziehungen. Natürlich hinterfragen wir heute Erziehungsmuster, doch verstehen wir dadurch wirklich besser, was wir selbst erlebt haben? Und warum fällt es uns so schwer, darüber zu reden?
Verstehen, worüber niemand redet: Gewalt in ostdeutschen Kindheiten
„Die Möglichkeit von Glück“ rechnet nicht ab, sondern schaut genau hin. Was bedeutet es, wenn Gewalt in der Familie nicht die Ausnahme, sondern der Alltag ist und wenn sie, obwohl alle sie spüren, nie beim Namen genannt wird?
Vielleicht liest du diesen Text und erkennst dich selbst in manchen Zeilen wieder. Vielleicht wird dir beim Lesen warm und kalt zugleich. Vielleicht spürst du das Echo deiner eigenen Geschichte.
Ich möchte dir sagen: Du bist nicht allein. Du hättest es besser verdient. Du darfst heute hinschauen. Und du musst nichts mehr schönreden, was weh getan hat. Dieser Roman ist unbequem. Genau deshalb ist er wichtig. Weil er eine Tür öffnet zu dem, was lange im Dunkeln lag. Weil er erinnert und einlädt, unsere Geschichten nicht länger zu verschweigen, sondern ihnen Raum zu geben.
