Solange du dich an die Regeln hältst
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Wir halten uns an Regeln, um dazuzugehören, geliebt zu werden und nichts falsch zu machen. Aber was passiert, wenn wir die Regeln so sehr verinnerlicht haben, dass wir gar nicht mehr wissen, welche eigentlich unsere eigenen sind? Chloé Savoie-Bernards „Du badest im Licht“ erzählt von Frauen, die genau an diesem Punkt stehen und zwingt auch mich als Leserin, auf die Regeln zu schauen, nach denen ich selbst lebe.

Ich kenne diese Regeln auch
Wenn ich mich an die Regeln halte, dann bin ich gut. Dann bin ich liebenswert. Dann kann nichts Schlimmes passieren? Vielleicht ist das die Hoffnung hinter so vielen Regeln: Sie geben Sicherheit. Wenn ich mich richtig verhalte, kann ich mich schützen. Wenn ich alles richtig mache, wird schon nichts passieren. Und wie traurig ist das eigentlich.
In “Du badest im Licht” schaut Chloé Savoie-Bernard auf Frauen, die sich an diese Regeln halten. Auf Körper, Begehren, Schönheit, Scham, Einsamkeit. Sie schaut hin, sehr genau, sehr nah. Und ich als Leserin komme nicht so einfach wieder weg.
Ich schäme mich und ärgere mich. Ich habe Mitleid. Manchmal möchte ich einfach, dass diese Frauen etwas tun. Ausbrechen. Aufstehen. Gehen. Aber wohin? Und warum gehen sie nicht? Was hält sie fest?
… natürlich ist etwas Verdorbenes in den Betten, die ich aufsuche, in den Betten, in die ich mich lege, in den Betten, in denen ich die Beine spreize, bis man mir sagt, dass ich ihnen Angst mache, bis man mich vertreibt, verbannt und man mir Mädchen vorzieht, die in der Missionarsstellung vögeln, die beim Vögel die Decke betrachten, die vögeln, ohne für Unbehagen zu sorgen, ohne zu weinen, ohne zu sabbern, die vögeln, ohne Schmerzen zu haben.
Savoie-Bernard erzählt mit ihrer ganz besonderen Sprache, die mich total mitreißt, in vierzehn Geschichten von Frauen, die auf ganz unterschiedliche Weise versuchen, mit dem zurechtzukommen, was von ihnen erwartet wird. Und je länger ich lese, desto schwieriger wird es, diese Frauen von mir fernzuhalten.
Welche Regeln sind eigentlich meine?
Denn ich kenne die Regeln ja auch. Ich schaue zu lange in den Spiegel. Ich gebe Geld für Kosmetik aus. Vielleicht mache ich schon wieder mal eine Diät. Ich überlege, wie ich aussehe, wie ich wirke, ob ich genüge.
Ich lächelte den Leuten, denen ich begegnete, zu. Es war trüb, Winter, da schaute sowieso jeder schrecklich aus. Ich fühlte mich stark, meine kleinliche Angst besiegt zu haben, meine Komfortzone verlassen zu haben, mich in gewisser Weise von meiner Abhängigkeit von MAC und Smashbox losgemacht zu haben, auch wenn ich wisste , dass ich bereits am nächsten Tag wieder damit beginnen würde, mich sorgfältig zu schminken.

Die Regeln, die wir längst verinnerlicht haben
Sich den Regeln zu entziehen, ist gar nicht so einfach, wenn man sie längst verinnerlicht hat. Vielleicht ist das das Unangenehme und gleichzeitig Schöne an diesem Buch: Ich kann mir von diesen Frauen helfen lassen. Retten kann ich sie nicht. Aber ich kann mir von ihnen den Spiegel vorhalten lassen. So schwer das auch ist.
Muss ich mich denn weiter an die Regeln halten? Sind diese Regeln für mich? Oder gegen mich? Ich merke beim Lesen, wie schwer es mir fällt, das alles überhaupt zu greifen. Wir sind zu sehr daran gewöhnt. Ich bin zu sehr im Spiel.
Ich denke: Diese Frau tut mir leid. Hoffentlich bin ich nicht diese Frau. Und dann denke ich: Doch. Ein bisschen bin ich sie. Was kann ich ändern?
