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DU machst immer alles richtig, oder? Wer, wenn nicht DU? Richtig?!!

Ach. Wie jetzt? Also doch nicht? Dann bist du also kein guter Mensch?

Wie, du willst ein guter Mensch sein, aber machst nicht immer alles richtig? Ja, ja, schon gut. Ich überspitze natürlich. Wir können nicht immer alles richtig machen. Und zu einem schlechten Menschen macht uns das schon gar nicht.

Leicht ist es nicht

Aber leicht ist es eben auch nicht immer, bewusst nicht das Richtige zu tun. Das klingt nun etwas verdreht und niemand von uns möchte ja Schlechtes bewirken. So ist es auch nicht gemeint, aber es gibt Dinge, die nehmen wir eben in Kauf.

Zum Beispiel wenn wir Kleidung kaufen, die billiger ist, als sie sein sollte. Bei der Herstellung von Konsumgütern, beim Überqueren roter Ampeln, beim Umgang mit Dienstleistern … wir machen überall Abstriche.

Der eine mehr, die andere weniger und anders geht es wohl auch nicht. Aber wem sag ich das. Ich möchte jetzt auch keine Lehrpredigt halten. Die bekommt nämlich auch Philipp, unser sympathischer, junger Protagonist in “Mein Leben als Hoffnungsträger” von Jens Steiner, mehr als genug.

“João dreht sich nach vorne und schweigt beleidigt. Mir dämmert, dass Uwe womöglich nicht der Einzige ist, der Anspruch darauf erhebt, mein Mentor zu sein. João ist offenbar der Meinung, dass jeder ernst zu nehmende Hoffnungsträger über seine Welt und sein Tun genauso Bescheid wissen sollte wie über Uwes Welt. Ich muss ihm recht geben. Auch wenn es mir nicht leichtfallen wird, von nun an ein doppelter Hoffnungsträger zu sein.”

Alle wollen ein kleines Stück vom Kuchen und dem guten Jungen zeigen wo es lang geht. Und es bleibt leider nicht bei den Arbeitskollegen oder dem Chef. Selbst die Nachbarn meinen es mehr als gut mit Philipp:

“Manchmal frage ich mich, ob der Schöbeli mich mit jemandem verwechselt. Ob er meint, ich sei sein Neffe oder Enkel.”

Ach mit denen darf man es wohl so machen, ja Philipp? Aber auf Philipp kann man nicht böse sein. Er ist einer von diesen Gutmenschen, die es wirklich immer gut meinen. Die Rücksicht nehmen und empathisch sind. Und die auch ein bisschen daran verzweifeln.

Bist du ein Gutmensch?

Der Begriff “Gutmensch” wurde leider in der letzten Zeit etwas misshandelt. Ich habe sogar überlegt, ob ich ihn überhaupt nutzen darf, mich dann aber doch dafür entschieden. Nur weil andere den “Gutmenschen” durch den Kakao ziehen, muss ich darauf doch keine Rücksicht nehmen. Gutmenschen haben es nämlich eh schon schwer genug. Sie sehen zuviel, sie hören zuviel und sie fühlen zuviel.

Leicht ist das nicht.

Schon gar nicht, wenn sie all diesen Ballast in ihren Rucksack aufladen und ihnen diese Last immer schwerer wird.

“Frühling war es und ich in dieser Wohnung und wieder allein mit meinen Dingen und diesem Leben, das einem alles Mögliche verspricht und sich dann ins Fäustchen lacht ob der Gutgläubigkeit der Menschen. Ich setze sie unter Druck, hatten meine Mitbewohner geklagt und mir freundlich, aber unmissverständlich die Tür gewiesen. Was ihnen an mir derart zugesetzt hatte, habe ich nie ganz verstanden.”

Ein paar Kapitel weiter gibt es dann aber doch schon ein paar Einblicke. Wir erfahren etwas über Philipps frühe Kindheit, die kleinen Zwänge, die er entwickelte und deren Auswirkungen auf sein WG-Leben. Zuerst gab es da zum Beispiel diese kleine Spielzeugpost. Mit vier Jahren hat er sie geschenkt bekommen und es dauerte ein bisschen, bis auch der Papa zufrieden war. Also mit Philipps Art diese Post zu benutzen.

Erst als Zahlen, Geld und Fortschritt eine Rolle spielten, war auch Philipps Papa zufrieden gestellt. Das mutet vielleicht ein bisschen platt an, wenn ich das hier ausführe, aber im Buch – das darfst du mir glauben – werden solche Lebensmetaphern mit der nötigen Feinsinnigkeit und Verschlagenheit behandelt.

Mit Worten umgehen, das kann unser Autor Jens Steiner nämlich gut. Nicht nur einmal hat es eines seiner Werke auf die Longlist des Deutschen Buchpreises gebracht und Preise hat der talentierte Schriftsteller auch schon in Fülle abgeräumt.

Aber zurück zum Buch. Ich habe Zwänge erwähnt. Putzen. Scheinbar hat ihm sein zwanghaftes Putzen, den Platz in seiner WG gekostet. Und dieses ausgesprochene Ordnungsbewusstsein hatte bereits in der Kindheit seinen Ursprung.

“Ich putzte und schräubelte, putzte und schräubelte. Meine Eltern waren voller Zuversicht, dass sich bei mir alles geben würde. Sie hatten allen Grund dazu, schließlich spielte sich die Geschichte der menschlichen Niedertracht weit weg von uns ab.”

Ein Hoffnungsträger

Mit dieser Vorgeschichte lässt sich so einiges erklären in Philipps Leben. Zum Beispiel, warum er nun in einem Recyclinghof arbeitet. Dort nämlich erst wurde er zum “Hoffnungsträger”. Uwes “Hoffnungsträger” um genau zu sein. Und zu dieser Rolle gehört ein gewisses Gespür für die Umwelt, Nachhaltigkeit und Ordnung.

Uwe hat das natürlich alles schnell in Philipp erkannt und ihm behende einen Job angeboten. So erfahren wir nicht nur etwas über Philipp selbst und seinen Boss Uwe, sondern auch die anderen beiden kauzigen Mitarbeiter, über die ich an dieser Stelle nicht viel verraten möchte. Sie sind sympathisch. Allesamt.

“Mein Leben als Hoffnungsträger” ist eine kleine Philosophie des Alltags, ein literarischer Erfahrungsbericht von den großen und kleinen Herausforderungen des Lebens und der Angst, nicht genug zu tun und nicht genug zu sein.

Ich glaube, dass wir alle Philipp gut kennen und wohlwollend schließen wir ihn in unser Herz. Das macht die Lektüre umso bedrückender, denn nicht immer geht es nur um die kleinen Konflikte bei der Mülltrennung.

Nicht zuletzt geht es auch um die Sklaverei der Selbstoptimierung und um die Zwänge, die wir uns auferlegen.

“Die Niedertracht der Welt, in der ich lebte, bestand darin, dass jede Generation noch ein bisschen mehr aus sich herauszuholen hatte als die vorherige, und dieser Wettbewerb war selten ein blutiger. Und doch hatte ich die unbestimmte Ahnung, dass jene Welt da draußen nicht so fern und dass dem Menschen als Mensch grundsätzlich nicht zu entkommen war.”

Mit diesem Zitat wollte ich eigentlich nicht enden. Der Roman selbst hat mehr zu bieten als schwermütige Weltuntergangsszenarien, aber davon darfst du dich gerne selbst überzeugen. Vielleicht hilft dir die Lektüre ein kleines bisschen dabei, hin und wieder den schweren Rucksack in eine Ecke zu stellen oder ihn gleich ganz auszuschütten. Auf dem Weg dahin mag er vielleicht eine Stütze sein. Viel Spaß beim Lesen.

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