Ja, das sind ein paar kleine Tränchen. Aber niemand hat sie gesehen, also hat es sie auch nicht gegeben.

Überhaupt. Warum soll ich mich denn schämen wenn ich mal rührselig werde, wenn ich ein schönes Buch lese? Nach so vieler “schwerer Lektüre” – also Büchern, die sich um schwierige oder sehr nachdenkliche Themen drehten – wollte ich mal wieder etwas lesen, das mich fesselt, aber nicht bedrückt.

Mein Blick fiel auf das farbenfrohe Cover von “Die Phantasie der Schildkröte” von Judith Pinnow. Klappentext und Rückseite versprachen kurzweilige Lesestunden und schwupps landete das Buch in meinem Korb.

“Ein zärtlicher, poetischer Roman über die Kraft des Wünschens.” – so warb der Roman für sich selbst. Meistens, wenn ich so etwas kitschiges lese, gehe ich weiter.

Diesmal nicht.

Und was soll ich sagen? Ich bin sehr froh drum. Nur wenige Seiten reichten, um mich vom Zauber dieses Buches zu überzeugen. Mich nervt es manchmal ein kleines bisschen,wenn in Artikeln nur so steht “Das Buch ist magisch.” oder “Es hat einen ganz besonderen Zauber.”

Deshalb schauen wir es uns jetzt mal genauer an.

Edith.

Edith arbeitet bei einer Versicherung, lebt allein, strukturiert ihren Alltag dermaßen, dass es schon zwanghaft wirkt und sie pflegt kaum Kontakte – bis auf zu ihrer Mutter, die Edith in regelmäßigen Abständen trifft.

Klingt erstmal sonderbar. Und auch nicht wirklich spannend. Ziemlich stereotyp eigentlich. Das macht aber nichts. Alles ändert sich nämlich für Edith als ein junges Mädchen, das vorgibt im Haus frisch eingezogen zu sein, in ihr Leben tritt.

Das Mädchen beginnt Edith Aufgaben zu stellen, die ihr helfen erst nur ein wenig aus sich zu gehen und schließlich völlig über sich hinauszuwachsen. Zu Beginn lernen wir Edith jedoch ganz anders kennen:

Die folgenden Adjektive passen vielleicht: sie ist verkopft, ein bisschen spießig, unsicher, steif und pedantisch.

Ui. Pedantisch. Bei diesem Wort kribbelt es in mir. Davor habe ich ja auch immer ein wenig Angst: zu pedantisch zu wirken.

Niemand mag pedantische Menschen, oder?

Was ist denn eigentlich ein Pedant? Ein Pedant achtet darauf, dass Aufgaben mit peinlicher Genauigkeit ausgeführt werden. Puh. Bin ich doch kein Pedant. Steif? Ja, manchmal schon. Und unsicher sind wir ja alle hier und da mal.

So wie Edith, die immer alles hinterfragt und bloß keinen Fehler machen will.

Herrlich einfach und wohltuend ist es, sich mit ihr zu identifizieren. Edith fühlt sich nicht schön, sie krittelt viel an sich herum und wehrt sich auch nicht gegen ihre Mutter, die das ebenfalls tut.

Verpasste Gelegenheiten

Wir lesen von vielen verpassten Gelegenheiten und sogar die alte Dame im Erdgeschoss hält ihr vor, dass sie ihr Leben gar nicht richtig lebe. Jeder Tag ist durchstrukturiert und durchgeplant. Allmählich wird selbst Edith ihre Spießigkeit zuviel.

“Als ich endlich im Bett liege, bin ich siebenundfünfzig Minuten über meiner Schlafenszeit. Ich habe Monk verpasst, fällt mir ein. Nichts stimmt mehr. Nicht einmal das Fenster hier im Raum ist richtig. Es müsste rechts sein, nicht links. Und mein Bett müsste leer sein.”

Kennst du das, wenn du immer erstmal überlegst, was wie wann wo schiefgehen kann?

Du kennst es bestimmt, musst es jetzt aber nicht zugeben.

Beim Lesen des Buches habe ich mehr als einmal über mich gelacht. Es ist so einfach Ediths Gedankengänge nachzuvollziehen. Wir ertappen uns doch auch öfters bei absurdem Grübeln über Nichtigkeiten.

Warum sorgen wir uns so viel über so unwichtige Dinge? Vielleicht hat das auch mit der Evolution zu tun. Vielleicht sind pedantische Charakterzüge einmal nützlich gewesen, um lebensbedrohliche Situationen zu überstehen.

Ich stelle mir jetzt irgendeinen Urahnen von mir vor, der ganz genau prüfte, mit wem er verkehrte, was er aß und womit er sich seine Zeit vertrieb. Damals war das Leben sicher noch um einiges gefährlicher und Vorsicht – pedantische Vorsicht – wurde belohnt.

Jetzt könnte ich auf dieses zermarternde Grübeln schon hin und wieder verzichten. Es tut jedenfalls sehr gut, dass “Die Phantasie der Schildkröte” diese kleinen Macken liebevoll auf die Schippe nimmt und dabei ohne Moralpredigten auskommt.

Edith geht im Laufe der Handlung für sie ganz neuartige Wege, lernt viele Menschen kennen und vollzieht eine Persönlichkeitsentwicklung, von der wir als Leserinnen und Leser profitieren können.

Immerhin möchtest du auch nicht hören “Jetzt entspann dich doch mal!” oder “Sei doch mal locker!”.

Du musst nicht perfekt sein

Selten gehen solche Aufforderungen mit konstruktiven Tipps einher, wie wir das anstellen sollen. Meist verkrampfen wir dann lieber noch ein bisschen mehr.

Und darum ist es so leicht sich in Edith hineinzuversetzen und dabei selber Lust zu bekommen, mal wieder ganz spontan zu sein. Spontaneität lässt sich schließlich auch trainieren.

Die emotionale Reibung, das kleine unangenehme Flau-Gefühl in der Magengegend – vielleicht ist das ja was Gutes?

Auch die anderen Figuren im Buch muss man sofort in sein Herz schließen. (Bis auf Ediths Mutter – die musst du nicht liebgewinnen.) Sie sind nicht alle fehlerfrei, haben ihre eigenen Probleme oder eine schwierige Vergangenheit – aber darin liegt ja die Essenz des Romans:

Wir müssen nicht perfekt sein, um geliebt zu werden.

Du bist okay, egal wie wo was und warum.

So pathetisch das klingt, so unkitschig und unpathetisch kommen diese Erkenntnisse im Buch rüber und das macht einfach gute Laune beim Lesen. Die Lektüre ist wie ein Wochenendausflug, wie ein wohlverdienter Kurzurlaub und ich finde, dass den eigentlich jeder Mensch verdient hat.

Denn Gelegenheiten unser Gemüt mal wieder etwas zu heben, ergeben sich im Alltag doch immer: Irgendwas ist mal wieder schiefgegangen? Du hast mehr Serien geschaut als du solltest und wichtige Aufgaben sind dafür liegengeblieben? Am Telefon hast du jemandem etwas gesagt, das du später bereut hast?

Alles nicht schlimm, das Leben geht weiter und zu einem schlechten Menschen macht dich das schon gar nicht.

Das ist in etwa die Quintessenz des Buches. Würde ich mal so behaupten. Ich finde “Die Phantasie der Schildkröte” gut geschrieben, überaus lebensklug und witzig. Und das auf eine unaufdringliche, zugewandte Art – einfach ein ganz wunderbares Wohlfühl-Buch. An Edith werde ich bestimmt jetzt öfter denken und mir demnächst eine kleine Stoff-Schildkröte auf den Nachttisch legen.

Danke für diese wundervollen Lese-Stunden und dir, liebe Leserin und lieber Leser, viel Spaß mit diesem besonderen Buch!

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