Ich bin mir selbst eine Mutter. Das muss reichen.

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Buchcover "Mutterschaft" von Sheila Heti

Titel: Mutterschaft

Autorin: Sheila Heti
Verlag: Rowohlt

Ich habe nie geglaubt, dass das Leben eine einzige, festgelegte Richtung hat. Doch es gibt Entscheidungen, die dich tief prägen. Die Entscheidung, Kinder zu bekommen, ist eine dieser Wendepunkte, die das Leben für immer verändern. Was passiert, wenn man sich gegen diesen einen Schritt entscheidet? Wenn die Frage, ob frau Mutter wird oder nicht, eine ständige Begleiterin bleibt, aber die Antwort, trotz aller Zweifel, immer ein Nein ist? Was bedeutet es, ein Leben zu führen, das sich nicht nach den Erwartungen der Gesellschaft richtet?

Ich möchte keine Mutter sein.

Mutterschaft hinterfragen: Darf man das überhaupt?

“Ich bin nicht mal mir eine Mutter”

Sheila Heti hat diesen Satz in einem Interview gesagt. Direkt, klar, kompromisslos. Und doch ist ihr Buch Mutterschaft alles andere als simpel.

Die Freiheit, keine Mutter zu sein

Meine Mutter sagte oft: Ich würde dieses oder jenes erst verstehen, wenn ich selbst einmal Kinder hätte. Es bleiben ein paar Zweifel zurück, aber ganz genau werde ich es nie wissen, denn ich habe mich gegen das Kinderkriegen entschieden.

Interessanterweise haben drei Partner, mit denen ich früher zusammen war, direkt mit der Frau nach mir Kinder bekommen. Ich hatte auch Beziehungen mit Menschen, die bereits Kinder hatten, aber ich selbst habe noch nie bei einem Kleinkind eine Windel gewechselt oder eine Flasche gegeben.

Als Lehrerin war ich fürsorglich, besonders gegenüber den ganz Kleinen, aber auch dort hat sich kein Kinderwunsch eingestellt. Erst vor zwei Wochen lag ich eine Nacht lang panisch und verängstigt wach, weil meine Periode auf sich warten ließ, was selten vorkommt. Ich will einfach kein Kind. So einfach. 

Ich möchte mich um mich kümmern

Es gibt viele Gründe. Aber einer drängt sich immer zuerst auf: Ich möchte mich um mich kümmern. Ich möchte keine Verantwortung für ein Wesen übernehmen, das voll und ganz auf mich angewiesen ist.

Und mir fallen sofort noch viele andere Gründe ein. Warum? Weil ich ständig denke, mich rechtfertigen zu müssen. In einer Gesellschaft, die es nicht gerne sieht, wenn ich mich nicht an die Spielregeln halte.

Was willst du denn dann mit deinem Leben anfangen? (Mal sehen.)
Hast du keine Angst, dass du es bereuen wirst? (Nicht wirklich.)
Dein Partner wird sich dann sicher jemand Jüngeres suchen, um Kinder zu bekommen. (Ja, vielleicht.)

In meinem Leben ist kein Raum für Kinder. Hätte ich diesen Raum geschaffen, dann wäre ich heute eine andere. Und ich mag es, mir andere Versionen meiner selbst vorzustellen. Ich bin offen für Veränderung und Überraschung, aber Kinderkriegen ist etwas sehr Endgültiges. Ein richtungsänderndes, einschränkendes Ereignis. Sicher auch ein bereicherndes. Klar!

Die Frage, ob ich Kinder möchte, hat sich mir immer nur kurz gestellt. 

Dann kam Heti. Und sie blieb.

Eher zufällig fiel mir Mutterschaft von Sheila Heti in die Hände. Eine Freundin hatte es empfohlen. Instant Crush!

Ich mochte das Konzept, den Humor, die Gedanken und vor allem die Ehrlichkeit. Heti bringt etwas Verspieltes und scheinbar Naives in ihren Text. Ich habe viel gelacht, nachgedacht und genickt beim Lesen.

Es war ein bisschen wie eine Offenbarung. Und mit ihr kam die Dankbarkeit, Worte für das Unausgesprochene zu finden.

“Ich werfe drei Münzen auf einen Schreibtisch. Zwei- oder dreimal Zahl – ja. Zwei- oder dreimal Kopf – nein. 

Ist dieses Buch eine gute Idee?
ja

Ist jetzt die Zeit damit anzufangen?
ja

Hier in Toronto?
ja

Also brauche ich mir keine Sorgen zu machen?
ja

Ja, ich brauche mir keine Sorgen zu machen?
nein

Also soll ich mir doch Sorgen machen?
ja

Über was soll ich mir Sorgen machen? Meine Seele?
ja

Wird Lesen meiner Seele helfen?
ja”

Ich hatte nur drei Seiten gelesen und war sofort sold.

Form, Zweifel, Spiel

Mutterschaft ist kein klassischer Roman. Sheila Heti schreibt fragmentarisch, in kurzen Gedanken, Bildern, inneren Dialogen. Immer wieder wirft sie eine Münze, ganz buchstäblich, um Fragen zu beantworten, als würde sie das Schicksal befragen oder ein höheres Ich konsultieren. Diese Entscheidungsmethode ist mehr als ein Stilmittel: Sie macht den Entscheidungsprozess greifbar. Die Münze bringt Leichtigkeit in die Schwere und verstärkt das Gefühl, dass es manchmal keine richtige Antwort gibt. Nur den Versuch, mit einer zu leben.

Hetis Prosa ist dabei präzise und poetisch, verspielt und ernst zugleich. Es ist kein Buch mit Handlung, sondern ein Buch voller Gedankengänge. Quasi ein intimes Protokoll des Zweifelns und des Nachdenkens über Lebenswege, die man nicht einschlägt.

Ein anderer Weg zur Erkenntnis

Heti ist in ihren Worten geduldig, neugierig, einsichtig und großzügig. Wo ich gegen verschlossene Türen renne, weil meine Argumente zu harsch und unnachgiebig sind, kommt Heti weiter, weil sie umgarnt, verführt, bezaubert. Und so Einblicke gewinnt, die mir verschlossen bleiben.

Ich war beim Lesen auch froh, dass ich mich im Leben nicht so intensiv mit der Kinderfrage beschäftigen musste. Meist lag so viel anderes auf dem Tablett, dass gar kein Raum blieb. Selbst wenn ich es gewollt hätte. Und darüber bin ich im Grunde dankbar.

Dankbar. Und Dankbar auch Sheila Heti für dieses wunderbare Buch.

Das Leben ist auch ohne Kinder schön.

Eine Offenbarung und eine Empfehlung

Mutterschaft ist klug, witzig, nachdenklich und sprachlich so leichtfüßig, dass frau fast übersieht, wie tief es geht. Es stellt keine Forderungen, aber viele Fragen.

Absolute Leseempfehlung. Für alle, die zweifeln. Für alle, die sich sicher sind. Und für alle, die spüren wollen, wie viel Freiheit in einem klaren “Vielleicht” stecken kann. Mutterschaft ist auch ein Buch für alle, die sich nicht sicher sind, ob sie Kinder wollen und für alle, die mit diesem Zweifel in Frieden leben wollen.

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