In Science-Fiction-Filmen sehen wir das manchmal. Die Menschen kommen zur Welt und ihr Schicksal und Werdegang wird ihnen auf dem Silbertablett serviert. Der individuelle Genpool, die diktatorische Politik oder eine andere übergeordnete Moralinstanz lassen dann nicht mehr viele Möglichkeiten offen.

Das ist in der heutigen Zeit anders.

Wir müssen uns jeden Tag selbst entscheiden im Meer der Möglichkeiten wo unser Platz ist. Die Suche nach der eigenen Identität beschäftigt uns alle in der ein oder anderen Lebensphase.

Die Berliner Jungautorin Julia Zange zeigt uns in ihrem Roman „Realitätsgewitter“ was es heute bedeutet nicht zu wissen, wohin mit sich.

Das Lesen dieses Buches wird dir bei deiner eigenen Suche möglicherweise keine Hilfestellung bieten. Du möchtest sicher auch gar nicht, dass dir jemand so wichtige Entscheidungen abnimmt. Erfahre in diesem Artikel, warum sich die Lektüre des Romans für dich trotzdem lohnt.

Sich nichts vorschreiben lassen

Vielleicht wollen wir nicht, dass uns jemand vorschreibt, was wir tun und lassen sollen. Aber manchmal einen Mensch an der Seite, der uns sagt, es sei okay nicht immer das Ruder in unserem Leben selbst in die Hand zu nehmen … Das wünschen wir uns hin und wieder schon.

Vor kurzem erzählte mir eine Freundin von einem bekannten Psychologen, der sich öffentlich darüber äußerte, dass heute viele Menschen mit Existenz- und Zukunftsängsten in seine Praxis kommen. Er fände das bedauerlich und überraschend, wo doch die Existenz heute kaum Risiken unterworfen sei. Wir können heute alles tun, so der Psychologe.

Marla, Julia Zanges Protagonistin in „Realitätsgewitter“, empfindet die Vielzahl der Möglichkeiten nicht als Chance. Die Angst, diesen Möglichkeiten nicht gerecht zu werden, setzt sie unter Druck. Ein abgebrochenes Studium, das unbefriedigende Praktikum, Freunde, auf die man sich nicht richtig einlässt, weil sie sich nicht auf dich einlassen.

Am nächsten ist uns immer noch das Smartphone und verstecken können wir uns hinter einer Social-Media-Selbstinszenierung, die mit dem digitalen Wahnsinn einhergeht.

Optimierung des Selbst

In dem Roman geht es auch um die bedrückende Oberflächlichkeit, die oft nicht reicht um die eigene soziale Energie genutzt zu wissen. Die freiwillig auferlegte Selbstoptimierung erzeugt einen Druck, der früher oder später in ein Leere-Gefühl münden kann. Nämlich dann, wenn mit der Optimierung des Selbst nichts erreicht wird. Oder zumindest nicht das, was wir uns einst erhofften.

Die Autorin Zange hat mit ihrer Geschichte das Leben in Zwischenstationen beleuchtet. Marla sammelt fleißig Erfahrungen (Sex, Drogen, Parties) von denen sie nicht genau sagen könnte, welche nun wichtig fürs Wachsen sind und welche retrospektiv als Ballast wahrgenommen werden.

Wissen zu wollen, wer man eigentlich ist.

Das Leere-Gefühl abschütteln. Wie gelingt uns das? Wissen wir einfach irgendwann woran wir sind? Wird aus der Ziel- und Orientierungslosigkeit einfach so irgendwann ein unbefristeter 40Stunden-Job und eine Kleinfamilie mit Wochenendurlauben im Spreewald? Und wer sagt uns, dass wir uns dann nicht wieder eingeengt fühlen?

Das Gefühl der Leere ist ja in vielen Fällen vorübergehend. Mit Alkohol oder anderen Substanzen darüber hinweg zu helfen, bringt meist nicht viel. Schöne Literatur wirkt an dieser Stelle schon weitaus nachhaltiger, wie ich finde.

Das Lesen tiefer, klug-recherchierter Geschichten macht es im Alltag schon mal leichter vorübergehende Missstände zu ertragen und sich selbst in seinen Handlungen zu beobachten. Das klingt kompliziert, aber lässt sich ganz einfach herunterbrechen:

Lesen fördert Achtsamkeit. Und diese Achtsamkeit überträgt sich auch auf unser Leben, unsere Bedürfnisse und Entscheidungen.

Los geht’s auf Identitätssuche

Kommen wir zurück zum Buch von Julia Zange. Es geht natürlich um die Suche nach der eigenen Identität. Im Buch wie im Leben: Manchmal reicht es nicht mehr, was wir gerade leben.

Marla: „Ich hatte mir das alles anders vorgestellt. Ich hatte eine ganz andere Vorstellung, was so ein Leben sein könnte.“ Dann will man mehr und hat gleichzeitig Angst vor dem was noch kommt oder nicht kommt. Schließlich kannst du dich auch verloren und nirgendwo zugehörig fühlen, wenn du keine Drogen nimmst oder regelmäßig Alkohol trinkst.

Manchmal wird uns einfach so alles zuviel.

Marla ist wie du und ich auf der Suche nach Freundschaften und Menschen, die uns bereichern und von denen wir gerne umgeben sind. Freundschaften sind existentieller Bestandteil unseres Glücks. Auf Garantien im Leben müssen wir verzichten: beim Job, Partnerwahl und eben auch bei Freundschaften.

Die Beliebigkeit, Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit, die Marla in Stress versetzt, kennst du die auch? Zange schreibt: „Für den Rest des Abends schweigt mein Telefon. Obwohl ich 1675 Facebook-Freunde habe.

Neben der Identitätssuche wird auch das Thema Familie in „Realitätsgewitter“ (der Name ist Programm) unter die Lupe genommen. Als ich in einem Artikel über den Versuch einer einstweiligen Verfügung durch die Eltern von Julia Zange las, glaubte ich vorerst an eine PR-Maßnahme. Mit voranschreitender Lektüre und immer mehr Beklemmung in der Brustgegend scheint mir das nun nebensächlich. Familie prägt und formt uns und manchmal geht das gut, ganz oft – so auch bei Marla – eben nicht. Wenn du das Gefühl hast, auch noch ein paar Komplexe und Probleme aus deiner familiären Vergangenheit verarbeiten zu müssen, dann stöbere gerne mal hier.

Marla fühlt sich von ihrer Familie nicht gesehen. Ihre Mutter, vermeintliche Psychopathin, hört kaum zu: „Ich könnte ihr erzählen von all dem Schmerz in den letzten zwanzig Jahren, ich könnte ihr von der Einsamkeit, von den Albträumen, von den Bauchschmerzen, von der Hilflosigkeit, der Wut, den Schnitten, den Tränen […] der Schlaflosigkeit erzählen, es würde nichts ändern.

Je weiter ich las, desto mehr hoffte ich am Ende doch mit etwas Zuversicht für Marla die Lektüre beenden zu können. Frau Zange lies mich nicht im Stich.

Sehnsucht und Zuversicht

Auch wenn die Angst vor falschen Entscheidungen, Türen, die geschlossen werden und dem großen Unbekannten, das sich Zukunft nennt, die Gedanken einnebelt – Hoffnung, Sehnsucht und Zuversicht weichen hoffentlich nie von deiner Seite.

Warum auch vor etwas Angst haben, das noch gar nicht eingetreten ist. Warum nicht doch mal wieder selbst das Ruder in die Hand nehmen? Lesen verleiht dazu den Mut und zeigt die Kraft in dir auf, die du für dein Leben brauchst.

Julia Zanges Buch liest sich, als hätte sie beim Schreiben nicht einmal Luft geholt. Die Lektüre war für mich ein zum Teil anstrengendes, aber lohnenswertes Abenteuer. Nicht zuletzt, weil ich Berlin als Schauplatz für Geschichten immer sehr nice finde.

Egal ob du jetzt zur Generation x, y, z gehörst (ist das Teil unserer Identität?) – „Realitätsgewitter“ regt zum Nachdenken an und lenkt auch schon mal von den eigenen Unzulänglichkeiten ab. Viel Spaß beim Lesen.

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