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Kein literarischer Gegenschlag.” Steht so auf dem Buchrücken.

Knausgård.

Ich hielt das Buch in der Hand und zögerte. Den Namen hatte ich schon gehört und sogar einiges von einem Knausgård gelesen. Dann musste ich aber schon sehr suchen, um meine Vermutung bestätigt zu sehen.

Die Schriftstellerin Linda Boström Knausgård ist in der Tat die Ex-Lebensgefährtin des Schriftstellers Karl Ove Knausgård.

Zusammen haben sie vier Kinder und ich habe das Gefühl beide schon ein wenig zu kennen. Das bringt die bis ins Absurde reichende Authentizität und Offenheit der Karl-Ove-Knausgårdchen Bücher mit sich.

Ich habe mir, da muss ich ehrlich sein, nicht sehr viel erwartet. Ich war auch leider kein großer Fan von Karl geworden, gab Linda jedoch trotzdem eine Chance.

Eigentlich absurd so zu denken. Jeder Mensch steht doch für sich. Jetzt bin ich froh, das getan zu haben.

Das Buch hat mich überrascht und im gleichen Maße überwältigt. Ich hoffe, dir die Gründe dafür ein wenig nahe bringen zu können.

Familie.

Die Vielschichtigkeit dieses Begriffs muss nicht erwähnt werden. Den einen ist sie Freud, den anderen Leid und hin und wieder verschmelzen beide Ebenen, sodass sie kaum noch zu unterscheiden sind.

Wahrscheinlich liest du diesen Artikel, weil du diese Ambivalenz kennst. Manche Bücher berühren etwas in uns, weil sie Parallelen aufzeigen und in Worte fassen, was wir bislang nicht mal klar zu denken wagten.

“Willkommen in Amerika” ist in diesem Punkt gnadenlos ehrlich.

Hauptmotiv des Romans ist das Schweigen: Eine Handlung, die gemeinhin mit Wortkargheit oder sogar der Abwesenheit von Worten assoziiert wird.

Ellen, unsere junge Protagonistin, schweigt seit dem Tod ihres Vaters. Sie gibt sich selbst und ihrer Mutter Schuld an seinem Tod.

Worte und Gedanken sind jedoch nicht abwesend im Roman. Im Gegenteil. Durch Ellens Schweigen gewinnen die Vorwürfe, Ängste und Aggressionen eine Präsenz, die kaum auszuhalten ist.

Schweigen ist nicht nur Stille, sondern auch das Vermeiden einer Nachricht, die eigentlich vorhanden ist.

Die Familienkonstellation und die besondere Form der Kommunikation sind nicht einfach nur bedrückend. Der teils kindliche Blick mit den Worten einer Erwachsenen lässt sich womöglich am passendsten mit schmerzvoll und liebesuchend beschreiben.

Brutalität und Kontraste

Die Beziehungen in einer Familie sind eben sehr oft von Gegensätzen bestimmt und “Willkommen in Amerika” deckt die Brutalität dieser Kontraste schonungslos auf. Sehen wir uns zum Beispiel Ellens Verhältnis zur Mutter an.

Schönheit scheint hier ein wichtiges Thema. Es geht um Make-Up und Fassade. Aber auch um Bewunderung und Rücksicht, Frustration und Angst.

Ellens Schweigen wird skizziert als eine Aggression auf die Mutter. Es stellt einen Rückzug dar, ebenso jedoch auch eine Anklage und ein Kräfte messen.

Es geht sogar vordergründig um Macht und damit darum, Stärke zu beweisen, die immer, an jeder Stelle im Buch sogleich die Schwäche zulässt.

Doch wenn Mama weinte. Dann stürzte die Welt ein, und nichts als das Weinen existierte mehr.”

Im Buch werden wir eines Mädchens gewahr, welches differenziert und reflektiert die Vorgänge um sie herum beschreibt, analysiert und auswertet.

Körperliche Gewalt und psychische Gewalt wechseln einander ab und bedingen sich. Der Kummer ist für Ellen und auch mich als Leserin bald kaum mehr zu ertragen.

Ellens Vater war zu Lebzeiten psychisch krank und brachte die Familie ein ums andere Mal in Gefahr.

Das Gefühl der Überlegenheit

Fast nebensächlich wird der Wohnungsbrand skizziert, der in einem Festessen mündet. Schließlich habe man überlebt. Die “helle” Familie sei nicht zu trüben, auch eine Trennung und schließlich der Tod könne daran nicht rütteln.

Psychisch fühlt sich Ellen überlegen. Wenn sie schweigt, kann niemand an sie ran. Es ist ihr Widerstand. Angst macht ihr das Körperliche.

Wenn ich vor etwas Angst hatte, dann davor. Physische Gewalt. Der konnte ich nicht standhalten. Das war mein schwacher Punkt, und das wusste mein Bruder. Deshalb hatte er Macht über mich. Durch die anhaltende, unterschwellige Androhung von Gewalt. Jederzeit konnte er zuschlagen. Was sollte ich dann tun? Wie sollte ich das schützen, was mir gehörte, nur mir?

Die Angst und Verzweiflung sind dem Wunsch nach Nähe sehr nah.

So beschreibt Ellen an anderer Stelle ihren einfachen Wunsch, den Bruder ganz für sich zu haben. Die Eifersucht auf die neue Freundin des Bruders kommt jedoch nur verhalten zum Ausdruck. Die Beziehung stört den Hausfrieden, der keiner ist, aber bewahrt werden muss.

Dass trotz der Anfeindungen und Verletzungen eine Form der Komplizenschaft zwischen Mutter, Bruder und Tochter bestand, kommt immer wieder zum Ausdruck.

Ellen wird so beispielsweise von ihrer Mutter zum Direktor begleitet. Dieser sucht in herablassender Art das Mädchen zu motivieren, wird von Ellen jedoch nur ignoriert und von ihrer Mutter zurechtgewiesen.

Ellen, was meinst du? Kannst du nicken oder den Kopf schütteln? Willst du im Herbst in deiner Klasse bleiben? Ich starrte ihn weiter an. Er sollte verstehen, dass ich stärker war als er. Ich glaube, es hat keinen Sinn, dass wir weiter hier sitzen, hörte ich plötzlich Mama sagen. Ellen wird nicht mit Ihnen kommunizieren.

Scham spielt im Bereich der Familie eine bedeutende Rolle.

Nähe und Verbundenheit aber auch. Ich möchte an dieser Stelle einen Schritt weg vom Roman und hin zu deiner persönlichen Situation.

Solltest du noch jung sein und in schwierigen Verhältnissen leben, dann mach dir bitte bewusst, dass es Hilfsangebote gibt, die du aufsuchen kannst.

Gewalt ist kein Zustand mit dem du lernen solltest umzugehen, sondern schlichtweg falsch. Unter diesem Link findest du hoffentlich eine erste Anlaufstelle.

Aber auch wenn du schon ein wenig Abstand zu den Problemen deiner Kindheit und den Verletzungen in der Familie hast, ist es manchmal gut Hilfe zu suchen.

Literatur hilft uns dabei die richtigen Worte zu finden und das Gefühl zu stärken, mit den eigenen Ängsten und Schmerzen nicht allein zu sein.

Linda Boström Knausgård ist ein bemerkenswerter Roman gelungen, der seinesgleichen sucht und sich nicht hinter dem schwedischen Autor und Exmann der Autorin verstecken muss.

Mich persönlich lässt die Lektüre nicht gleichgültig. Aber zum Schluss überwiegt nicht der Kummer, der in den Zeilen steckt, sondern die Erkenntnisse und Einblicke, die Verständnis auslösen und damit reinigend wirken.

Aufwachsen ist keine einfache Sache.” Persönliche Entwicklung ist es auch nicht, aber Lesen im Allgemeinen und dieses Buch im Speziellen, können dabei Unterstützung bieten.

Danke, Linda Boström Knausgård, für dieses sinnstiftende Buch.

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