fbpx

“Eine weibliche Odyssee im 21. Jahrhundert”, so Rachel Cusk selbst über ihr literarisches Werk. Das klingt eindrucksvoll und weckt sofort mein Interesse. Ich kann schon jetzt verraten, dass die englische Schriftstellerin meiner initialen Verzückung gerecht wurde, aber dazu später.

Probleme oder Herausforderungen?

Zuvor ein ganz anderer Gedanke: Probleme sind einfach Herausforderungen, die uns fordern und an denen wir wachsen. Punkt.

Bekommst du das so oder ähnlich auch hin und wieder zu hören, wenn du dabei bist mal wieder deine Dinge in Ordnung zu bringen, vielleicht einem Podcast über Persönlichkeitsentwicklung lauschst (die entdecke ich selbst gerade für mich) oder Rat bei einer guten Freundin suchst?

Ich jedenfalls schon und ich predige diesen Satz auch mantrahaft mir und Menschen, die fragen. Meistens jedoch mir selbst.

Immer mit dem Zusatz, dass es zumindest nur ein Glaubenssatz ist, den wir unterschiedlich auslegen und den wir hier und da vielleicht anpassen müssen.

“In Transit” von Rachel Cusk zu lesen hat mich jedoch wieder ein bisschen davon weggebracht, motivierende Glaubenssätze zu wiederholen und dazu ermutigt, der Realität ein bisschen mehr Vertrauen zu schenken.

Motiviert und positiv das Leben anzunehmen, ist mir zwar ein wichtiges Gut, aber von vielen Seiten werden uns Erkenntnisse geliefert, die oft einem verklärten Bild des Lebens entspringen, nicht aber dem realen Alltag mit all seinen Fallstricken und Hindernissen.

Gute Gespräche

Ohne pathetisch klingen zu wollen: Es sind tiefe Gespräche und gute Lektüre, die mir das Gefühl geben echt zu sein. Manchmal geht aus einem guten Gespräch, eine hilfreiche Lektüreempfehlung hervor und manchmal sind es Gedanken aus einem Buch, die ein Gespräch befeuern.

So unterhielt ich mich beispielsweise kürzlich mit einem Freund über den Schriftsteller Max Goldt und sein Talent Zwischenmenschliches exakt beobachten zu können und dafür genau die richtigen Worte zu finden. Im Grunde liegt ja genau darin das Talent von Schriftstellerinnen und Schriftstellern im Allgemeinen. Sie beobachten und beschreiben.

Und wenn wir ähnliche Beobachtungen gemacht haben oder uns mit der Art und Weise der Beschreibung identifizieren können, verbünden wir uns möglicherweise auch mit dem Buch. Rachel Cusk geht in “In Transit” soweit, nicht nur aufmerksam zu beobachten, sie hört auch immer ganz genau hin und darin liegt für mich der besondere Charme ihres Buches.

In einem Artikel des Spiegels wurde ihr Werk mit dem Karl Ove Knausgårds verglichen: Was die seit geraumer Zeit in London lebende Autorin vollführt, liest sich wie eine britische, aufs Wesentliche eingedampfte Spielart dessen, was der norwegische Breitwandepiker Karl Ove Knausgard mit überwältigendem Erfolg mit seinem autobiografischen Romanzyklus „Min Kamp“ vollführt: die stete Verwandlung des eigenen Lebens in Literatur.

Was soll ich sagen. Vielleicht ist dir schon aufgefallen, dass ich Knausgårds massiven Büchern nicht viel abgewinnen kann (ganz im Gegenteil zum Werk seiner Exfrau Linda Boström Knausgård). Autorinnen und Autoren verarbeiten fast immer Eindrücke und Erlebnisse ihrer eigenen Lebenswelt in ihren Werken. Das macht eine Rachel Cusk nicht zu einer Spielart eines anderen Autoren.

Aber ich will mich gar nicht streiten. Jedem Buch seine Leserinnen und Leser. Mich findet man derzeit eben mit den Werken von Rachel Cusk in einem Café und ich empfehle sie seit meiner glücklichen Entdeckung wo ich es nur kann.

Jetzt habe ich gerade den Spiegel-Artikel nochmal gelesen und frage mich, ob es sich tatsächlich um das gleiche Buch handeln kann. ““Manchmal habe ich das Gefühl, langsam zu verbluten“ bekennt eine ihrer Figuren stellvertretend. Von den Gefühlen, die sie und andere dabei beschleichen, handelt Rachel Cusks eisig-schöner Bericht aus der Hölle namens Alltag.

Sie erschafft etwas Neues

Schön ist er, dieser Bericht, aber weder eisig, noch geht es um eine Alltagshölle. Wenn Frauen nicht romantisch und besonders emotional schreiben, macht sie das in keiner Weise eisig. Passender finde ich die Beschreibung Klaus Brinkbäumers im Literatur Spiegel: “Sie entdeckte etwas, sie erschuf etwas, das es in der Literatur bislang nicht gab. Eine ungekannte Art zu erzählen. Eine veränderte Perspektive.”

Zudem sind es kaum Alltagsgeschichten, die uns hier geboten werden. Cusk erzählt Geschichten von Menschen, denen Faye, die Protagonistin in “In Transit”, begegnet.

Detailliert, vertrauensvoll und ungeschminkt erzählen ihr Menschen was sie beschäftigt und bewegt. Wiederholt habe ich mich gefragt, ob Faye nur besser zuhört, oder ob die Menschen tatsächlich mehr erzählen, einfach weil sie sie ist.

Was mir sehr gut gefällt ist Cusks weibliche Stimme, die Familie, Mutterschaft, Schriftstellerei, Freundschaft und Neubeginn zwar ohne Verbitterung, aber mit offener Strenge und Ehrlichkeit skizziert. Ich fand das Fehlen von Sentimentalität und Romantik nahezu befreiend. Es kommt einer Erlaubnis gleich, auch ohne Glanz und Leichtigkeit funktionieren zu dürfen.

Beim Lesen wurde ich immer wieder an New York und Paul Austers Werke erinnert. Es ist nicht die gleiche Lesart, aber eine Verwandtschaft ihrer Stile, meine ich erkennen zu können. Man merkt, dass Cusk ihren Zynismus, sollte er denn vorhanden sein, für sich behält. Die Formulierungen klingen wertend, aber ihnen ist auch auch gewisses Wohlwollen zu eigen.

Und sie geben mir als Leserin Raum, diese Odyssee mitzubestreiten ohne zwangsweise das von der Geschichte vorgegebene Urteil fällen zu müssen: Menschen und der Umgang mit ihnen raubt Energie. Wieviel Sympathie Faye tatsächlich für ihre Mitmenschen aufbringt, bleibt vielleicht das Geheimnis der Autorin.

Besonders schön am Buch, ist auch der Einstieg: Faye erhält eine Mail. “Eine Astrologin schrieb mir in einer E-Mail, sie habe wichtige Neuigkeiten hinsichtlich meiner unmittelbar bevorzustehenden Zukunft. Sie könne sehen, was mir verborgen bleibe, denn sie habe Einblick in mein Geburtshoroskop erhalten und die Planeten befragt.”

Ein wenig später im Text: “Möglicherweise war die Mail vom selben Computerprogramm generiert worden, wie die Astrologin selbst.”

Nach einem erschöpfenden Gespräch mit ihrem Makler ist ihr die Herkunft der Mail jedoch egal. “Die Begegnung mit dem Makler schien zu beweisen, dass wir alles Mögliche über uns selbst glauben können, letztendlich aber das Produkt der Behandlung sind, die wir durch andere erfahren haben. In der E-Mail der Astrologin gab es einen Link zu dem Horoskop, das sie für mich erstellt hatte. Ich bezahlte die Gebühr und las weiter.”

Mit diesem Gedanken möchte ich an dieser Stelle schließen. Vielleicht ist einfach nicht jedes Problem eine Herausforderung und nicht jede Odyssee aufregend und bereichernd. Es tut gut hier und da unperfekt zu sein und Absurditäten Raum zu lassen.

Danke, Rachel Cusk, dass Sie das eindrucksvoll in ihrer Literatur vermitteln.

Schau dir das Buch bei Amazon an!

Schau dir das Buch bei Genialokal an!

Neue Wege und neue Bücher

Wie gelingt uns Veränderung, Neues wagen und der Aufbruch ins Unbekannte? Welche Hürden müssen wir nehmen und was können wir tun, wenn uns das einmal nicht gelingt? Perspektiven, Lösungen und Ideen finden sich oft in Büchern.

Du musst deine Eltern nicht retten!

Gerade wenn es um die eigenen Eltern geht, scheuen viele von uns die Auseinandersetzung. Wir sind aber alle Töchter und Söhne und die familiären Beziehungen haben ihre Spuren in unserem Leben hinterlassen.

Die Sehnsucht nach Liebe

Liebe verändert uns und sie leitet uns. Manchmal hinterlässt sie Chaos und oft macht sie uns verletzlich.

Was tun bei Depressionen und Angst? Diese Graphic Novel hilft weiter.

Oft fällt es Betroffenen nicht leicht, Hilfe anzunehmen und über ihre Probleme zu sprechen. Ein feinsinniges, verständnisvolles und empathisches Buch kann die nötige Kraft vermitteln, die es braucht, weitere Schritte einzuleiten.

Sei die pure Leidenschaft!

Sicher gibt es auch in dir eine Sehnsucht, die dich antreibt, dich zweifeln lässt und deine Gedankenwelt genau dann aufwühlt, wenn du es gerade eigentlich überhaupt nicht gebrauchen kannst. Wenn du dich manchmal schon gefragt hast, wonach du dich da eigentlich sehnst, dann ist das hier vielleicht die Antwort: Leidenschaft.

Was ist Heimat für dich?

Heimat wird bei uns meist mit einem Raum verbunden, in den wir hineingeboren werden. Oder ein Ort, den wir schon lange bewohnen und der ein Wohlgefühl in uns auslöst. Manchmal widersprechen sich diese Herangehensweisen.

Was erwartest du eigentlich von mir?

Es ist schwierig eigene Erwartungen loszulassen. Ich würde jedoch behaupten, dass es noch viel schwieriger ist, die Erwartungen anderer zu hinterfragen und beiseite zu tun. Wie kann es klappen?

Einfach mal gut sein lassen

Wir können nicht immer alles richtig machen. Und zu einem schlechten Menschen macht uns das schon gar nicht. Aber leicht ist es eben auch nicht immer, bewusst nicht das Richtige zu tun.

Abschied von der Angst vorm Abschied

Verbinden wir nicht Abschied mit Verlusten, Trauer, Wehmut und Resignation? Dürfen wir überhaupt etwas Positives an einem Abschied finden oder macht uns das zu oberflächlichen Menschen?

Krankheit verstehen und den Schmerz aussprechen

Die Krankheit Krebs ist immer Auslöser für eine neue Perspektive auf das Leben. Solch eine weitreichende Diagnose zu bekommen, lässt uns …

Pin It on Pinterest