Um ADHS komplett und richtig auszusprechen, nämlich Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung, muss ich mich schon sehr konzentrieren. ADS (da entfällt das mit der Hyperaktivität) oder auch ADHS habe ich aber nicht.

Du vielleicht?

Dann kann es schon manchmal passieren, dass du den Wald vor lauter Bäumen nicht siehst, den dritten Schritt vor den ersten machst und dabei dann schnell mal die Spur verlierst.

Die Autorin Mina Teichert hat ein Buch über ihre eigenen Erfahrungen mit ADS geschrieben: „Neben der Spur, aber auf dem Weg“.
Lies weiter und erfahre, wie dir die Lektüre auf deinem ganz persönlichen Weg helfen kann.

Warum ADS und ADHS nicht das Ende der Welt sind“, so steht es im Untertitel dieser thematischen und gutgelaunten Autobiographie. Auf dem Buchrücken dann sogar: „Ein beeindruckend positiver Blick auf das Leben – für alle, die auch ab und an etwas neben der Spur sind!

Mit Fokus auf die Stärken

Das kommt beinahe etwas abgedroschen daher, ist es aber nicht. Eigentlich ist es sogar schade, dass im Internet und anderen Medien ein überwiegend negatives Bild dieser „Störung“ vermittelt wird und dabei der Blick auf die Stärken von Menschen mit ADS und ADHS oft auf der Strecke bleibt.

Umso erfrischender ist es, ein Buch zu lesen, welches den auftretenden Herausforderungen (und ja, auch Probleme), mit dem nötigen Humor, Geduld und Gelassenheit begegnet. Mina Teichert ist das mit „Neben der Spur, aber auf dem Weg“ gelungen. Sie hat ein quirliges, lebhaftes und freches Buch geschrieben und ich bin mir sicher, dass du aus dieser Lektüre viel Mut und Zuversicht ziehen kannst. Optimismus ist definitiv eine der Stärken der Autorin und damit wird sie ihrer Zunft wohl gerecht. Denn Menschen mit ADS und ADHS wird nachgesagt besonders kreativ und sozial zu sein, ein hohes Maß an Empathie zu besitzen und großen Wert auf Gerechtigkeit zu legen. Vielleicht hab ich ja doch ADS? Ähm… Spaß beiseite.
Nun, wenn du das so liest – das sind doch lauter positive Eigenschaften. Wo liegt denn dann eigentlich das Problem?

Den eigenen Weg finden

Schon in der Kindheit und Jugend erleben betroffene Menschen vorwiegend negative Reaktionen auf ihr Verhalten. Lehrerinnen und Lehrer sind überfordert, weil eben nicht nur die kleine Mina im Klassenraum sitzt, sondern vielleicht noch vierundzwanzig andere Individualisten. Ähnliches gilt für viele andere Erwachsene und natürlich auch Kinder, die dein spezielles Verhalten nicht einordnen können und entnervt reagieren.

Spiele und Aufgaben, die man dir zugewiesen hat, stressten dich anstatt zu beschäftigen. Viele Misserfolge, Zurückweisungen und Enttäuschungen waren die Konsequenz und haben deinen Selbstwert bis ins Erwachsenenalter geprägt.

Wer häufig nicht verstanden wird, entwickelt womöglich sogar ein gestörtes Sozialverhalten.

In den letzten Jahrzehnten ist zum Glück in der Forschung schon ein bisschen was passiert. Kinder werden aufmerksam (mal mehr mal weniger) beobachtet und hoffentlich fachkundig diagnostiziert. Für manche ist aber dieser Zug schon abgefahren und jetzt erst erhältst du Gelegenheit, dich mit dem Thema und deiner speziellen Herausforderung auseinanderzusetzen. Und das nachdem du möglicherweise viele Hürden im Berufsleben nehmen musstest und bei deinen Mitmenschen auf wenig Verständnis gestoßen bist. Frau Teichert beschreibt diesen Missstand folgendermaßen: „…irgendwie auch saukomisch, wenn man bedenkt, dass die Evolution dem Menschen als Basisausstattung einen Blinddarm mitgibt und dann an solchen wichtigen Features wie Empathie spart.

Wenn du jetzt denkst, dass Kindsein ja sowieso viel besser ist – denn da wird noch gespielt und gelacht und getobt und alles läuft viel entspannter ab – dann denk auch darüber nach: Erwachsene können ihren Lebensraum freier gestalten als Kinder. Bestimmt gibt es eine Vielzahl an Berufen, die aufgrund deiner Besonderheit nicht zu dir passen, aber dafür gibt es auch sehr viele tolle Wege im Leben, die du gehen kannst. Selbstbestimmt und unabhängig. Zumindest doch unabhängiger als die meisten Kinder, die einer Schulpflicht unterliegen und der Launenhaftigkeit ihrer Pädagoginnen und Pädagogen unterworfen sind.

Mein Bruder hatte als Kind eine Duracell im Arsch.“, schreibt Teichert über ihr kleines Geschwisterchen. Typischer ADHS-ler, der mit seinem Verhalten bestimmt nicht nur auf Wohlwollen gestoßen ist. Dass Mina selbst erst mit Mitte Zwanzig mit ADS diagnostiziert wurde und warum das so ist, beschreibt die lebenslustige Autorin in ihrem Buch.

Bei allem Humor, gelingt es der Autorin immer mit der nötigen Ernsthaftigkeit an das Thema heranzugehen. Die Fähigkeit zur goldenen Mitte beweist sie auch im Kapitel über die „To-do-Listen und Was-soll‘s-Listen“.

Sympathischerweise wird heute im pädagogischen Umfeld seltener von einer Störung oder einer Auffälligkeit gesprochen. Stattdessen sind Kinder jeglicher mentaler Couleur „verhaltensoriginell“. Dieser (zugegebenermaßen) Euphemismus wird der Tatsache gerecht, dass unser Verhalten allzu oft einfach das Vorhandensein bestimmter Bedürfnisse widerspiegelt.

Dein Bedürfnis ist es letztlich nicht als größte Chaotin oder größter Chaot in die Weltgeschichte einzugehen, sondern beispielsweise nicht gelangweilt zu werden.

Wo sind deine Ressourcen?

Auf dem Weg ins Erwachsenenalter wachsen sich ADHS oder ADS nicht einfach aus, aber sie wandeln sich und du wandelst dich auch. Vielleicht bist du es leid, deine Defizite im Fokus zu haben. Schließlich stehen ihnen eine Vielzahl an Ressourcen gegenüber. Folgende werden von Frau Teichert benannt: „Kreativität, Fantasie, Flexibilität, Neugier, Risikobereitschaft, Hilfsbereitschaft, Sensibilität, Ehrlichkeit, Ideenreichtum, Emotionalität“.

Die Autorin hat selbst viel über ihre Diagnose gelesen und stellte dabei fest, dass ein Großteil der Literatur für sie frustrierend und zu fachlich war. Ich kann mir das gut vorstellen und denke, dass du von der persönlichen Art der Autorin und ihrem lockeren Stil profitieren kannst. Die authentischen Erfahrungsberichte helfen zu verstehen. „Gerade Menschen, die es schwer haben, brauchen doch Leichtigkeit in ihrem Sein. Oder etwa nicht?“, fragt Teichert.

Doch, sage ich. Leichtigkeit können wir alle gebrauchen, denn die tut gut und motiviert dran zubleiben und uns etwas Schönes aufzubauen.

Frau Teichert schreibt, dass sie endlich ihre Melodie gefunden habe und „meinen Rhythmus. Und gerade in einem lauten Leben mit ADS ist der Beat, der mit deinem Herzen im Einklang schlägt, maßgebend!“
Deine Aufgabe ist es deine eigene Melodie zu finden und den passenden Rhythmus. Ein Buch über andere Menschen zu lesen, die in einer ähnlichen Situation stecken, kann schon mal helfen den Taktstock in die Hand zu nehmen oder ein paar Seiten auf der Gitarre des Lebens zu zupfen. Huch, eine Metapher. 🙂

In diesem Sinne wünsche ich dir einen wunderbaren, spannenden und melodischen Soundtrack für dein Leben und ganz viel Spaß bei der Lektüre des Buches!

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