Der Tod einer geliebten Person kann unsere gesamte Welt und unser Sein erschüttern. Wenn du das erlebt hast und dich in deiner Situation für das Lesen eines Buches entschieden hast, dann ist das ein Zeichen großer Stärke. Es zeigt, dass du nicht aufgibst und etwas für dich tun möchtest.

Manchmal ist es gut sich zu verkriechen, der Trauer Raum zu geben und zu weinen. Dann kommt aber auch wieder die Zeit, in der wir Kraft schöpfen wollen und Mut für das Leben brauchen. In diesem Artikel werde ich dir zeigen, wie dir der Roman „Lebensgeister“ von Banana Yoshimoto bei dieser Aufgabe helfen kann.

Einen Weg durch das Chaos finden

Vielleicht bist du nicht selbst betroffen, sondern eine Person, die dir nahe steht, hat einen Verlust erlitten. Du suchst nun nach Mitteln und Wegen deinem Freund oder deiner Freundin in dieser schweren Zeit zu helfen. Das zeigt, dass du ein großes Herz hast und sehr gedankenvoll handelst, denn Bücher vermögen auf eine ganz eigene und besondere Weise zu helfen, zu trösten und zu begleiten.

Eingangs habe ich von dem Chaos berichtet, das ein schwerer Verlust bei dir auslösen kann. Wenn jemand Liebes von uns geht, kann das schnell unser ganzes Leben auf den Kopf stellen. Mit dem Tod verbinden wir nicht nur Chaos, sondern auch Zerstörung, Einsamkeit und Ohnmacht. Gegenüber dem Tod sind wir oft hilflos und darum ist dieses Thema in unserer Gesellschaft mit viel Angst besetzt. Der Tod wird nahezu tabuisiert. Ist es wirklich hilfreich, so etwas Allgegenwärtiges wie den Tod aus unserer Wahrnehmung zu verdrängen?

Diesem Problem nimmt sich die japanische Autorin Banana Yoshimoto in ihrem Roman „Lebensgeister“ an. Yoshimoto vermittelt in ihren Büchern Akzeptanz und die Fähigkeit zur offenen Auseinandersetzung mit dem, wovor wir uns so sehr fürchten. Der Tod und andere Verluste tauchen in ihren Geschichten immer wieder auf.

Das Leben mit anderen Augen sehen

Banana Yoshimoto hieß ursprünglich Mahoko Yoshimoto und hat sich für das ulkige Pseudonym „Banana“ entschieden, weil ihr die Blüten der „red banana flower“ so gefielen. Ihre Bücher werden bereits seit einigen Jahren auch in Deutschland veröffentlicht und geben damit Einblick in eine uns doch oft ferne und fremde Kultur. Aber ticken denn die Menschen woanders auf der Welt so anders als wir?

Ich würde sagen ja und nein. Ich liebe es Bücher von Haruki Murakami, Hiromi Kawakami oder eben auch Banana Yoshimoto zu lesen, eben weil sie anders sind. Die Themen werden aus anderen Perspektiven beleuchtet. Andere Fragen werden gestellt. Die Handlungsstränge werden anders aufgeschlüsselt und erhalten ihren eigenen Zauber. Ein bisschen Übersinnliches findet hier und da seinen Weg in diese Bücher. Das sollte jedoch auch Leserinnen und Leser, die sonst keinen Zugang zu Fantasy und mystischer Literatur haben, nicht abschrecken.

In „Lebensgeister“ finden wir nämlich nicht nur ein bisschen Übersinnliches vor. In diesem stillen, behutsamen Roman – die Geschichte eines Verlustes – verschmilzt das Diesseits mit dem Jenseits.

Mir ist aufgefallen, dass bei der Lektüre keine Rolle spielt, ob ich an Geister glaube oder nicht. Die Perspektive und deren befreiende Wirkung helfen, ganz gleich ob wir Sayo (unsere Hauptfigur) ihre Zurechnungsfähigkeit absprechen oder nicht.
Sayoko, kurz Sayo, erlebt zu Beginn des Buches einen schweren Unfall, bei dem sie lebensgefährlich verletzt wird und ihr Geliebter ums Leben kommt. Sayo findet Trost bei ihren Eltern und der Familie ihres verstorbenen Freundes. Es sind aber vor allem die Geister, die Sayo nun zu sehen vermag, die ihr helfen, das Leben anzunehmen.

„Lebensgeister“ ist ein ruhiges, für unsere Verhältnisse sicher gewagtes Buch. Es ist ein Buch über Akzeptanz, so schwer diese auch sein mag. Vergänglichkeit spielt eine essentielle Rolle und damit einhergehend Dankbarkeit. Denn so nah der Tod dem Leben ist – für uns spielt sich alles im Diesseits ab und dem gilt es deine Aufmerksamkeit zu schenken.

Eindrucksvoll schafft es Yoshimoto diese Botschaft in einer Geschichte zu verpacken, die weder verklärt, belehrt, noch verstört.
Ich finde es bewunderswert, wie es dieser Autorin gelingt, eine Tiefe zu schaffen, die uns beim Lesen nicht beschwert, sondern trägt.

Yoshimoto schrieb hier einen Roman über für uns oft so schmerzhafte Erlebnisse, der ohne Ironie und Zynismus auskommt. Diese gewisse Leichtigkeit ist der Sprache der Autorin eigen. Ohne Rührseligkeit, übermäßige Melancholie und Verdrängung gelangt sie zu einer Wärme, die dich sanft umhüllt und liebevoll einschließt.

Was wir brauchen

Wenn dich ein Verlust tief erschüttert hat, möchtest du vielleicht keinen Feel-good-Roman lesen oder einen Motivations-Bestseller. Es geht nicht darum schnell wieder auf andere Gedanken zu kommen und womöglich noch alles zu vergessen. Es geht vielmehr darum, behutsam mit dir selbst umzugehen, neue Energie zu sammeln und der Verzweiflung Schritt für Schritt den Rücken zu zukehren.

Für Sayo vollzieht sich dieser Prozess in der Beobachtung ihrer Mitmenschen. Plötzlich sieht sie diese und deren Bedürfnisse mit einem liebevolleren Blick und schöpft wohl aus dieser neu gewonnenen Warmherzigkeit Lebenskraft. Obwohl Yoshimoto an vielen Stellen eine nahezu philosophische Herangehensweise verfolgt, wird dir kein Weg und keine Erkenntnis aufgezwungen.

Es geht ja eben darum, dass du deine ganz persönlichen Ängste bändigst und dafür musst du deinen eigenen Weg gehen.

Literatur vermag dir bei dieser Aufgabe eine Vielzahl an Wege aufzuzeigen. Lesen hilft uns, achtsamer mit uns selbst und dem Leben umzugehen und ich finde, dass „Lebensgeister“ von Yoshimoto diesem Anspruch gerecht wird.

In der Psychologie ist oft von Resilienz die Rede. Dabei geht es darum, eine Widerstandsfähigkeit zu entwickeln, die dich bei der Bewältigung von Krisen unterstützt. Literatur aktiviert deine Ressourcen. Nicht das Vergangene wird verdrängt, sondern es wird genutzt um Verständnis und Akzeptanz aufzubauen.

Ich wünsche dir allen Mut der Welt, Geduld mit dir selbst und die Kraft dein Leben wieder so zu gestalten, wie du es dir tief im Herzen wünscht. Oder um aus dem Buch zu zitieren: „Verzweifelt strampelst du dich ab, kriegst Wasser in die Nase und wehrst dich prustend gegen das Ersticken, brichst dir die Knochen, liegst gefesselt im Bett, verfluchst die Ungerechtigkeit der Welt. Und dennoch strebst du diesem einen Moment entgegen, der dich vielleicht irgendwann für die erlittene Mühsal belohnt … Was für ein Luxus, was für ein Geschenk ist es doch, dachte ich nur, dass du eine Zeitlang hier auf Erden sein darfst, in diesem großen, unerschöpflichen Leben.

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