Du bist lesbisch. Sie nicht. Zumindest nicht dass du wüsstest. Trotzdem geht sie dir nicht mehr aus dem Kopf. Da ist soviel Unsicherheit. Und das belastet dich. „Jeder, der liebt, ist ein Soldat.“, schreibt Patricia in ihrem Metropolenroman. Warum und wie dir die Lektüre helfen kann, verrate ich dir jetzt.

Einmal verliebt …

Im zarten Alter von acht habe ich einer Grundschulfreundin meine Liebe gestanden. Sie hieß Claudia und war bei allen beliebt und wunderschön. Lange kastanienbraune Locken. Und unerreichbar. Sorglos, wie eben ein Grundschulkind manchmal noch sein darf, war mein Herz nicht gebrochen. Inzwischen weiß ich auch, dass das der Klassiker ist: Verliebt in die beste Freundin oder den besten Freund und mit unerwiderten Gefühlen umgehen müssen. Damals hab ich mir nicht viel dabei gedacht und meine Liebe freimütig weiter verschenkt. Das Leben ging weiter und viele lange Jahre hat kein Mädchen mehr mein Herz erobert.

Nochmal Kind sein möchte ich nicht, aber manches nochmal so unverklärt erleben. Das wär’s.

Was ist überhaupt anders daran, als Frau in eine Frau verliebt zu sein, die offenkundig auf Männer steht? Spielt da der Jagdinstinkt noch stärker rein? Hoffst du auch noch auf ein Wunder? Kannst du ihr die Augen öffnen und wird sie mit dir ihre erste homosexuelle Beziehung eingehen? Hast du auch ganz konkret Angst davor, wie sie reagiert, wenn du dich ihr offenbarst? Wird sie auf Abstand gehen oder sogar regelrecht Ablehnung zeigen?

Fragen über Fragen. Und wo sind die Antworten?

Es ist schon etwas anderes über Verliebtheit zu schreiben, wenn du es selbst gerade gar nicht bist. Also verliebt. Klar bin ich schon immer etwas verliebt in meinen Freund, aber diese krasse Aufregung, Hormongewalt, dieses Gefühl wie auf Drogen zu sein, nicht ein noch aus zu wissen. Das ist was anderes. Und so geht’s dir grad, oder? Das ist aufregend und gleichzeitig so anstrengend. Das weiß selbst ich.

Besonders nach der Lektüre von „Metrofolklore“. Dieses Leseabenteuer hat mich ein wenig in die Knie gezwungen und mir dabei nicht nur einmal die Augen geöffnet. Gleich vorweg: wenn du ein allzu sanftes Gemüt hast, dann schau lieber mal hier oder hier weiter. Denn Patricias Ton ist nicht nur derb, vulgär und ziemlich zynisch, sie nimmt auch gar keine Rücksicht und kein Blatt vor den Mund. Sex und Drogen sind so ziemlich die Lieblingsthemen im Buch. Und wie fand ich das?

Befreiend.

Da fiel plötzlich ganz viel von mir ab und das nur durchs Lesen. Es ist als ob frau einen Porno schaut und davon klüger wird.

Manchmal habe ich mich gefragt: Ist das meine Muttersprache? Wo ist die Autorin denn zur Schule gegangen und was zum Teufel hat sie beim Schreiben geraucht? Ich halte nix (wirklich nichts!) von Drogen, aber wow! So eine Schreibe! So eine Schlagfertigkeit! So kunstvoll kreierte Sätze.
So witzig und klug. Überaus klug. Nicht langweilig klug. Überhaupt nicht. Das Lesen hat einfach nur Spaß gemacht.

Keinem Mann würde ich so ein Buch zugestehen und es Literatur nennen – woran liegt das?

Vielleicht ertrage ich Obszönitäten besser wenn sie von Frauen kommen. Aber „Lust“ von Jelinek mochte ich nicht. „Feuchtgebiete“ von Roche dagegen sehr. Also vielleicht doch nicht nur geschlechtsspezifisch.

Auf jeden Fall hat Patricia Hempel eine großartige Gabe Zwischenmenschliches zu beobachten und unverblümt zu beschreiben. Das schüchtert auch schon mal ein bisschen ein. Ist ja schließlich auch ein Buch aus der Sicht der Bösewichtin. Wie oft lese ich einen Roman über eine Frau, die betrogen und verraten wird, abgelehnt oder benutzt? Die Weltliteratur ist voll von diesen weiblichen Opfergestalten. Und klar. Ein Opfer ihres Selbstmitleids ist auch unsere Protagonistin. Selbstironisch, weltflüchtig und gesellschaftsmüde. Aber sie nimmt sich und fragt nicht lang. Profitiere davon! Was du diesem Roman entnimmst, liegt wie immer bei dir. Das ist ganz individuell. Ich weiß aber schon, dass er dich mutiger und optimistischer machen wird. Das geht gar nicht anders. Patricia hat so ein Talent dich mitzureißen und wenn mir das so ging, dann dir erst recht.

Was folgt, ist ein Endlosmonolog, der klarmacht, was in den letzten Jahres unserer Beziehung alles scheiße gelaufen ist.“ Unsere Protagonistin ist schon ziemlich ermüdet von ihrer Beziehung zu Anika und reitet gerne auf deren Fehler rum: „Ich stimme ihr in jedem Punkt zu und unterbreche sie nicht, weil sie eine Frau ist, die im Streit erst dann eine Meinung hören will, wenn konkrete Fragen fallen: Hast du auch nachgedacht?“

Platz für Mitgefühl?! Eher nicht.

Das war eine der vielen, vielen Passagen über die ich sehr schmunzeln musste. Mir tut Anika leid. Letztlich identifiziere ich mich mit ihr sicher mehr als mit unserer Hauptfigur. Deren Name habe ich entweder unaufhörlich überlesen oder er blieb absichtlich verborgen. Sie ist verliebt in Helene, die kaum weiß, dass sie existiert. Diese Tragödie plus die Tücken einer Langzeitbeziehung inklusive Familienplanung und das junge Leben in Berlin sind unschlagbar unterhaltsam und einnehmend.

Kinderzimmer einrichten helfen – aber nicht im Traum an die Familiengründung denken? Unser Mädel lässt keine Beziehungskrise aus. „Misanthropisches Cyberstalking ist die gesündere Alternative zu Selbstmord und seit Romy [das ist Helenes beste Freundin] meine Freundschaftsanfrage angenommen hat, macht es wieder Spaß, in sozialen Netzwerken asozial zu sein.“ Sich an die beste Freundin der Angebeteten ran zumachen, um sich so den Weg zu ebnen – das ist schon sehr durchtrieben. Nehmen wir ihr das krumm? Irgendwie nicht. Können wir das verstehen, weil wir ähnlich verzweifelt sind oder waren? Ja, klar.

In diesem Sinne liebe Leserin, lieber Leser, geh immer gut mit dir und anderen um, aber sei frech und fröhlich und mutig. Und lies! Vor allem lies! Es ist doch soviel einfacher, wenn wir erleben dass wir nicht allein sind. Zukünftig werden wir mit psychologischem Weitblick in unsere Fettnäpfchen treten, wagemutig die Zeichen missverstehen und couragiert in der Freundschaftszone landen. Werden wir wissen woran frau ist? Vielleicht nicht. Aber es wird uns dabei zweifellos besser gehen.

Liebe Autorin von „Metrofolklore“, Patricia Hempel, ich danke dir für so viel Witz und Klugheit und Herz!

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