So wertvoll ist dein Leben
Um diesen Roman soll es jetzt aber nicht gehen, sondern um einen aktuelleren Titel einer deutschen Jungautorin: “Club der letzten Wünsche” von Tamy Fabienne Tiede.
Einen Zugang schaffen
Zum Zeitpunkt dieses Artikels haben wir Februar und der Februar steht voll im Zeichen der Krebsaufklärung.
Der Weltkrebstag war am 4.Februar und die Medien und Verbände schlagen Purzelbäume hinsichtlich der Aktionen und Aufklärungskampagnen.
Bislang (zum Zeitpunkt des Schreibens) findet sich in der Kategorie Krebs erst ein Werk auf Literaturpower. Nämlich “Halt auf Verlangen” von Urs Faes. Wie im Artikel ausführlich beschrieben, hat dieses literarisch anspruchsvolle Werk sicher eine sehr wertschätzende Zielgruppe.
Es war mir jedoch wichtig, zeitnah noch ein zweites Werk vorzustellen, welches der Tatsache gerecht wird, dass auch viele junge Menschen an Krebs erkranken.
Mit “Club der letzten Wünsche” hat Tamy Fabienne Tiede einen Zugang zur Problematik geschaffen, der jung, unverklärt und beinahe spritzig wirkt.
Ist das nicht makaber, mag nun die ein oder der andere fragen?
Sicher nicht.
Es gibt in der Kunst eine gewisse Ausdrucksfreiheit und ebenso wichtig ist die Wahlfreiheit von betroffenen Menschen, eben jenes Buch auszusuchen, das sie persönlich anspricht.
“Bei einer meiner ersten Sitzungen hatte ein Mädchen, das viel zu bleich war, um überhaupt lebendig zu sein, mich angesprochen. Ich gruselte mich etwas vor ihr, denn ich hatte die Befürchtung, bald selbst so auszusehen. Aber ich war höflich geblieben und hatte ein wenig mit ihr geplaudert. Sie schien wirklich schrecklich krank.”
Mir fallen auf Anhieb ein paar Menschen ein, die sicher sehr positiv auf die freche, offensive Art unserer 19jährigen Protagonistin Jesslyn reagieren.
Jesslyn hat in ihrem jungen Leben bereits einiges durch und stellt fest, dass der drohende Tod ihr verwehrt, einmal wirklich glücklich gewesen zu sein. Es ist nicht ganz einfach Sympathie mit Jesslyn zu empfinden.
Mitgefühl ja, aber Sympathie?
Sie beschreibt sich sogar selbst als “unpassend” und weiß um ihre harsche und teilweise aggressive Art.
“Mein Bruder war die einzige Person, der ich vertraute – voll und ganz und ohne Einschränkungen. Doch erst in diesem Moment erkannte ich, wie sehr ich ihn an meiner Seite brauchte. Denn auch wenn ich immer so getan hatte, ich würde diesen Scheißkrebs nicht alleine bezwingen können.”
Ein Kampf beginnt
Je näher Jesslyn den Leser und die Leserin an sich, ihre Vergangenheit, ihre Emotionen und ihre Wünsche heranlässt, desto eher vollzieht sich die für solch ein Buch wichtige Identifikation.
Jesslyn will nicht sterben.
Schon gar nicht ohne ihr Leben gelebt zu haben. Der Kampf ums Überleben und gegen den Krebs beginnt. Es geht aber nicht nur um Kampf, sondern auch um Auseinandersetzung, Reflexion und vor allem um Liebe.
Liebe darf natürlich in solchen Geschichten nicht fehlen. Für mich persönlich gilt das jedenfalls. Da habe ich eine romantische Ader.
Für Jesslyn gibt es James. Über James werde ich an dieser Stelle jedoch nicht viele Worte verlieren. Diese Spannung möchte ich nicht trüben.
Aber mit wenigen Zeilen soll die Autorin selbst zu Wort kommen: “James Hand war warm und weich. Seine Berührung fühlte sich überhaupt nicht unangenehm an, vielmehr wirkte es ganz natürlich, als wären unsere Finger dafür geschaffen, um perfekt ineinanderzugreifen wie zwei Zahnräder. Wir redeten eine ganze Weile lang überhaupt nicht, sondern hielten uns nur an den Händen und betrachteten den klaren Nachthimmel.”
Das klingt nicht nur sehr romantisch. Es ist auch sehr romantisch und ich kann nicht behaupten, dass ich auf diesen Kitsch gerne verzichtet hätte.
Insgesamt sind es die Kontraste im Buch, die Authentizität vermitteln. Auch Jesslyns Welt ist nicht schwarz-weiß und echten Gefühlen gegenüber ist sie nicht ignorant. Bereits im ersten Drittel des Buches erfährt Jesslyn, dass sie keine Chance auf Heilung hat.
Ich habe keine Ahnung wie es sich anfühlen muss, das Ende des eigenen Lebens spürbar nah zu sehen. Aber ich kann ihre Motivation sehr gut nachvollziehen, Erlebnisse nachholen zu wollen und sich nicht aufzugeben.
Die Liste
Gemeinsam mit ihrem Bruder verfasst Jesslyn eine Liste: “Jesslyns Das-muss-ich-noch-dringend-machen-bevor-ich-an-Scheißkrebs-sterbe-Liste”. Die Liste ist “jederzeit erweiterbar”.
“Jederzeit” ist an dieser Stelle leider ein Euphemismus, denn Zeit ist für Jesslyn eine endliche Ressource.
Ich glaube, es ist okay an dieser Stelle zu schreiben, dass Jesslyn stirbt. An der Intensität der Lese-Erfahrung wird sich für dich durch diese Einsicht sicher nichts ändern.
Der Roman “Club der letzten Wünsche” ist letztlich ein ehrliches und trauriges Buch, das den Lesenden Offenheit und Empathie abverlangt, aber auch jene Eigenschaften vermittelt.
Danke, Tamy Fabienne Tiede für diesen besonderen Roman. Die junge Autorin hat mit ihrem Erstlingswerk sogar den “Piper-Award” auf Wattpad gewonnen. Hoffentlich folgen noch viele weitere Bücher.
Der Leserin oder dem Leser wünsche ich mit der Lektüre des Buches, Worte zu finden für das was manchmal unaussprechlich scheint. Oft sind es Worte, die unsere Gedanken formen. Der nötige Widerstand ist umso stärker, je besser wir uns und unsere Umstände erkennen und bezeichnen können. Möge dir das Lesen eine Stütze sein.
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So gewinnst du sofort mehr Zeit zum Lesen
Bei meiner Recherche musste ich feststellen, dass einige der Strategien, um mehr Zeit fürs Lesen freizuschaufeln, auch auf eine zweite Zielgruppe (zu der ich nämlich auch gehöre) zutrifft: Läufer.
Na und sicher noch für viele andere. Aber in meinem Fokus sind jetzt die potentiellen Leserinnen und Leser.
Los geht’s!
Du möchtest ja eigentlich viel mehr lesen.
Doch die Wäsche wartet, die Kinder wollen versorgt sein, der Hund Gassi geführt und Netflix ist auch schneller angeworfen als die Entscheidung getroffen, welches Buch du als nächstes beginnst.
Eine Freundin hat dir neulich dieses Buch ausgeliehen und nun liegt es schon Wochen unbeachtet rum.
Ein bisschen schämst du dich dafür, aber was soll man machen, der Tag hat eben nur 24 Stunden. Richtig. 24 Stunden. 8 davon schläfst du. Lass uns mal zusammen schauen, wieviel Lese-Potenzial der Rest des Tages für dich bereit hält.
Tipp #1
Manche Menschen verschlingen Lektüre regelrecht. Für sie ist Lesen wie die Luft zum Atmen und ohne Buch geht einfach gar nichts. Was machen sie, was du nicht machst? Sie gönnen sich Spaß und Vergnügen mit gutem Gewissen. Sie genießen und haben herausgefunden, dass Lesen einen beträchtlichen Anteil an ihrer Lebensqualität hat. Und jetzt kommt der Punkt, der für dich relevant sein sollte.
Menschen, die Spaß am Lesen haben, lesen was ihnen Spaß macht.
Lies, was zu dir passt und dich interessiert! Probiere auch mal andere Genre aus oder vielleicht ein Graphic Novel. Neues ausprobieren ist doch sowieso immer spannend! Wenn dich ein Buch nicht begeistert – leg es weg und versuch ein anderes. An der Auswahl soll es nicht scheitern.
Und wenn du Inspirationen brauchst, dann spaziere doch einfach mal durch die Bibliothek oder einen schönen Buchladen; abonniere coole Buchbloggerinnen und Buchblogger bei Instagram oder frage deine Freunde nach Empfehlungen.
Wichtig dabei ist aber eines: Wenn dir ein Buch nicht gefällt, vertraue auf dein Bauchgefühl und lies es nicht weiter. Das richtige Buch für dich wartet da draußen. Ganz sicher.
Tipp #2
Liest man im Internet andere, ähnliche Artikel über Zeitmanagement, dann begegnet einem oft der Ratschlag, man solle sich einfach die Zeit nehmen und alle anderen Ablenkungen vermeiden.
Puh. Ich behaupte jetzt einfach mal das Gegenteil. Greif dir ein Buch und lass alle Ablenkungen zu. Wenn das Buch gut genug ist, wirst du ganz automatisch weiterlesen wollen, wenn die Wäsche zusammengelegt ist oder die Lieblingsserie konsumiert wurde.
Oft klappt es eh nicht, wenn du dir sagst: “Jetzt lese ich und mache nichts anderes.” Ich glaube, dass wir es gar nicht nötig haben, so dogmatisch zu sein. Ich mache das Handy auch nicht immer aus beim Lesen. Nur manchmal.
Wenn ich nach einer Ablenkung nur noch schwer zum Lesen zu bewegen bin, ist das einfach hin und wieder ein Indiz für mich, zu einem anderen Buch zu greifen.
Tipp #3
Jetzt kommt der Tipp, der definitiv auch fürs Laufen und schlechthin für jede Betätigung zutrifft, die du gerne mehr in dein Leben integrieren möchtest. Gewohnheit ist das Schlüsselwort.
Verhalten ändern ist schon eine wirklich schwierige Herausforderung. Wenn dann jedesmal dazu kommt, dich immer wieder aufs Neue für dies oder jenes entscheiden zu müssen, dann siegt oft der Schweinehund über unsere ehrenvollen Vorhaben.
Indem du dir Routinen zulegst, verlagerst du die Entscheidung.
Entscheide dich jetzt für eine Routine und stell sie später nicht mehr in Frage. Wenn es für dich dazu gehört, jeden Abend vorm Einschlafen ein paar Seiten zu lesen, dann wirst du das einfach machen.
Wenn dreimal die Woche Laufen dein Ziel ist und du immer einen Tag Pause zwischen den Läufen brauchst, na dann ist doch klar, dass du jetzt die Turnschuhe anziehst und losjoggst, oder?
Mach es dir nicht schwerer als nötig. Niemand hat die Motivation immer und immer wieder ganz von vorne anzufangen. Leg dir Routinen zu und der Rest kommt von selbst.
Tipp #4
Lücken füllen. Eingangs habe ich versprochen, dass wir noch mehr aus deinem Tag herausholen. Das machen wir jetzt.
Lesen auf der Couch mit Decke und Tee – das ist gemütlich und attraktiv. Das geht aber nicht immer.
Nutze Zeiten, die sowieso schon besetzt sind und integriere dort dein Lesen. Die Fahrt in der U-Bahn oder im Bus kannst du sinnvoll mit Lesen besetzen. Im Auto lässt du ein schönes Hörbuch laufen. Nur auf dem Fahrrad – da bitte ich dich, gut auf den Verkehr zu achten und ohne Stöpsel im Ohr sicher an dein Ziel zu kommen. Das ist mir wichtig.
Beim Spaziergang mit dem Hund jedoch bietet sich das Hörbuch wiederum an. Oder beim Abwasch, bei der Wäsche und allen anderen Arbeiten, die eher meditativ nebenbei laufen.
Apropos laufen: natürlich kannst du auch beim Joggen die Zeit für Hörbücher nutzen statt immer und immer wieder die gleichen Beats durchs Trommelfell zu jagen. Und für zu Hause: Leg dir ein Buch immer gut sichtbar parat. So kannst du zu jeder beliebigen Zeit danach greifen und immer mal ein paar Seiten Lesen. Viel Spaß!
Tipp #5
Tipp Nummer 5 und damit der letzte an dieser Stelle, ist weniger eine Handlungsempfehlung als vielmehr der Rat, deine Motivation zu hinterfragen.
Stell dir einfach mal die Frage, warum du denn wirklich mehr lesen möchtest. Gehört das für dich dazu und drängt dich ein gewisses Pflichtgefühl? Haben deine Freunde dir ein Buch mit Nachdruck empfohlen und du möchtest niemanden enttäuschen?
Lies bitte nicht für andere.
Daraus wird keine Leidenschaft entflammen. Verbringe deine Zeit mit Dingen, die dir gut tun und dich mit Freude erfüllen. Wenn das gerade nicht mit Lesen oder diesem bestimmten Buch klappt, dann zwing dich nicht. Lass es entspannt angehen und finde heraus, was zu dir und deinen Bedürfnissen passt.
Das gilt fürs Lesen wie auch für Sport und eigentlich fast alles im Leben.
Ich habe immer ein Buch dabei, führe kein Lesetagebuch und glaube an die 5-Sekunden-Regel, die besagt, dass ich manchmal einfach von 5 runter zählen muss, um jetzt genau das zu tun, woran ich soeben noch zweifelte.
Motivation ist kein großes Geheimnis. Unsere Verhaltensmuster haben kluge Wissenschaftler schon hinreichend erforscht und wenn du etwas wirklich willst, dann findest du leicht raus, wie du auch dahin gelangst.
Wichtig dabei ist vor allem eines: Du musst es dir wert sein. Und selbst das kannst du lernen. Danke fürs Lesen. Ich wünsche dir eine wundervolle Zeit in den fantastischen Welten der Literatur.
Wenn Familie weh tut
Knausgård.
Ich hielt das Buch in der Hand und zögerte. Den Namen hatte ich schon gehört und sogar einiges von einem Knausgård gelesen. Dann musste ich aber schon sehr suchen, um meine Vermutung bestätigt zu sehen.
Die Schriftstellerin Linda Boström Knausgård ist in der Tat die Ex-Lebensgefährtin des Schriftstellers Karl Ove Knausgård.
Zusammen haben sie vier Kinder und ich habe das Gefühl beide schon ein wenig zu kennen. Das bringt die bis ins Absurde reichende Authentizität und Offenheit der Karl-Ove-Knausgårdchen Bücher mit sich.
Ich habe mir, da muss ich ehrlich sein, nicht sehr viel erwartet. Ich war auch leider kein großer Fan von Karl geworden, gab Linda jedoch trotzdem eine Chance.
Eigentlich absurd so zu denken. Jeder Mensch steht doch für sich. Jetzt bin ich froh, das getan zu haben.
Das Buch hat mich überrascht und im gleichen Maße überwältigt. Ich hoffe, dir die Gründe dafür ein wenig nahe bringen zu können.
Familie.
Die Vielschichtigkeit dieses Begriffs muss nicht erwähnt werden. Den einen ist sie Freud, den anderen Leid und hin und wieder verschmelzen beide Ebenen, sodass sie kaum noch zu unterscheiden sind.
Wahrscheinlich liest du diesen Artikel, weil du diese Ambivalenz kennst. Manche Bücher berühren etwas in uns, weil sie Parallelen aufzeigen und in Worte fassen, was wir bislang nicht mal klar zu denken wagten.
“Willkommen in Amerika” ist in diesem Punkt gnadenlos ehrlich.
Hauptmotiv des Romans ist das Schweigen: Eine Handlung, die gemeinhin mit Wortkargheit oder sogar der Abwesenheit von Worten assoziiert wird.
Ellen, unsere junge Protagonistin, schweigt seit dem Tod ihres Vaters. Sie gibt sich selbst und ihrer Mutter Schuld an seinem Tod.
Worte und Gedanken sind jedoch nicht abwesend im Roman. Im Gegenteil. Durch Ellens Schweigen gewinnen die Vorwürfe, Ängste und Aggressionen eine Präsenz, die kaum auszuhalten ist.
Schweigen ist nicht nur Stille, sondern auch das Vermeiden einer Nachricht, die eigentlich vorhanden ist.
Die Familienkonstellation und die besondere Form der Kommunikation sind nicht einfach nur bedrückend. Der teils kindliche Blick mit den Worten einer Erwachsenen lässt sich womöglich am passendsten mit schmerzvoll und liebesuchend beschreiben.
Brutalität und Kontraste
Die Beziehungen in einer Familie sind eben sehr oft von Gegensätzen bestimmt und “Willkommen in Amerika” deckt die Brutalität dieser Kontraste schonungslos auf. Sehen wir uns zum Beispiel Ellens Verhältnis zur Mutter an.
Schönheit scheint hier ein wichtiges Thema. Es geht um Make-Up und Fassade. Aber auch um Bewunderung und Rücksicht, Frustration und Angst.
Ellens Schweigen wird skizziert als eine Aggression auf die Mutter. Es stellt einen Rückzug dar, ebenso jedoch auch eine Anklage und ein Kräfte messen.
Es geht sogar vordergründig um Macht und damit darum, Stärke zu beweisen, die immer, an jeder Stelle im Buch sogleich die Schwäche zulässt.
“Doch wenn Mama weinte. Dann stürzte die Welt ein, und nichts als das Weinen existierte mehr.”
Im Buch werden wir eines Mädchens gewahr, welches differenziert und reflektiert die Vorgänge um sie herum beschreibt, analysiert und auswertet.
Körperliche Gewalt und psychische Gewalt wechseln einander ab und bedingen sich. Der Kummer ist für Ellen und auch mich als Leserin bald kaum mehr zu ertragen.
Ellens Vater war zu Lebzeiten psychisch krank und brachte die Familie ein ums andere Mal in Gefahr.
Das Gefühl der Überlegenheit
Fast nebensächlich wird der Wohnungsbrand skizziert, der in einem Festessen mündet. Schließlich habe man überlebt. Die “helle” Familie sei nicht zu trüben, auch eine Trennung und schließlich der Tod könne daran nicht rütteln.
Psychisch fühlt sich Ellen überlegen. Wenn sie schweigt, kann niemand an sie ran. Es ist ihr Widerstand. Angst macht ihr das Körperliche.
“Wenn ich vor etwas Angst hatte, dann davor. Physische Gewalt. Der konnte ich nicht standhalten. Das war mein schwacher Punkt, und das wusste mein Bruder. Deshalb hatte er Macht über mich. Durch die anhaltende, unterschwellige Androhung von Gewalt. Jederzeit konnte er zuschlagen. Was sollte ich dann tun? Wie sollte ich das schützen, was mir gehörte, nur mir?”
Die Angst und Verzweiflung sind dem Wunsch nach Nähe sehr nah.
So beschreibt Ellen an anderer Stelle ihren einfachen Wunsch, den Bruder ganz für sich zu haben. Die Eifersucht auf die neue Freundin des Bruders kommt jedoch nur verhalten zum Ausdruck. Die Beziehung stört den Hausfrieden, der keiner ist, aber bewahrt werden muss.
Dass trotz der Anfeindungen und Verletzungen eine Form der Komplizenschaft zwischen Mutter, Bruder und Tochter bestand, kommt immer wieder zum Ausdruck.
Ellen wird so beispielsweise von ihrer Mutter zum Direktor begleitet. Dieser sucht in herablassender Art das Mädchen zu motivieren, wird von Ellen jedoch nur ignoriert und von ihrer Mutter zurechtgewiesen.
“Ellen, was meinst du? Kannst du nicken oder den Kopf schütteln? Willst du im Herbst in deiner Klasse bleiben? Ich starrte ihn weiter an. Er sollte verstehen, dass ich stärker war als er. Ich glaube, es hat keinen Sinn, dass wir weiter hier sitzen, hörte ich plötzlich Mama sagen. Ellen wird nicht mit Ihnen kommunizieren.”
Scham spielt im Bereich der Familie eine bedeutende Rolle.
Nähe und Verbundenheit aber auch. Ich möchte an dieser Stelle einen Schritt weg vom Roman und hin zu deiner persönlichen Situation.
Solltest du noch jung sein und in schwierigen Verhältnissen leben, dann mach dir bitte bewusst, dass es Hilfsangebote gibt, die du aufsuchen kannst.
Gewalt ist kein Zustand mit dem du lernen solltest umzugehen, sondern schlichtweg falsch. Unter diesem Link findest du hoffentlich eine erste Anlaufstelle.
Aber auch wenn du schon ein wenig Abstand zu den Problemen deiner Kindheit und den Verletzungen in der Familie hast, ist es manchmal gut Hilfe zu suchen.
Literatur hilft uns dabei die richtigen Worte zu finden und das Gefühl zu stärken, mit den eigenen Ängsten und Schmerzen nicht allein zu sein.
Linda Boström Knausgård ist ein bemerkenswerter Roman gelungen, der seinesgleichen sucht und sich nicht hinter dem schwedischen Autor und Exmann der Autorin verstecken muss.
Mich persönlich lässt die Lektüre nicht gleichgültig. Aber zum Schluss überwiegt nicht der Kummer, der in den Zeilen steckt, sondern die Erkenntnisse und Einblicke, die Verständnis auslösen und damit reinigend wirken.
“Aufwachsen ist keine einfache Sache.” Persönliche Entwicklung ist es auch nicht, aber Lesen im Allgemeinen und dieses Buch im Speziellen, können dabei Unterstützung bieten.
Danke, Linda Boström Knausgård, für dieses sinnstiftende Buch.
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Wenn nichts mehr geht
“Was glaubst du, warum hast du denn Magenkrebs?”
“Oh, Meningitis. Na ja, eigentlich ist es doch eine Willensfrage.”
Matt Haig, der Autor von “Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben” hat eine kleine, aber feine Liste aufgestellt. Davon, was Leute Dir sagen, wenn du depressiv bist, sie aber nie in anderen lebensbedrohlichen Situationen sagen würden.
Eine Depression ist ja auch nicht so schlimm wie Tuberkulose, denkst du jetzt?
Und schon gar nicht so lebensbedrohlich?
Du irrst dich und solltest unbedingt in Erwägung ziehen, Haigs autobiographische Auseinandersetzung mit seiner Krankheit zu lesen.
Warum schreibt man so ein Buch?
Literarisch, das muss ich einräumen, finden Matt Haig und ich mit diesem Buch nicht zueinander.
Es wird aber schnell klar, dass der Autor ein ganz pragmatisches Ziel mit seinem Werk verfolgt: Aufklärung.
Nach der Lektüre bin ich sicher, dass ich bislang nicht verstanden habe, was es bedeutet, wenn Menschen sagten, dass sie eine Depression haben.
Die Fehler im Umgang mit depressiven Menschen, die Haig beschreibt: Als hätte er mich beobachtet, um es mir jetzt unter die Nase zu reiben. Unheimlich.
Liebevolle Strenge, Ungeduld, ungefragte Ratschläge …
Ratschläge über Ratschläge. Zwar habe ich noch niemandem ins Gesicht gesagt, dass er sich jetzt mal zusammenreißen muss.
Ich habe es aber gedacht. Oft. Ich nehme mir das nicht übel. Es ist eben wie wir funktionieren.
Leistungsdenken habe ich mir nicht ausgesucht. Aber ich hinterfrage es. Reflexion ist meine Geheimwaffe. Die schlägt nichts.
Matt Haigs Buch hilft dabei. Er räumt auf mit Vorurteilen und Missverständnissen. Und er macht dabei sehr deutlich, warum das so wichtig ist.
Die Krankheit selbst ist ein Albtraum. Aber die Angst vor den Menschen, die nicht verstehen, was in dir vorgeht – das ist die Hölle.
Der ewige Druck zu funktionieren und die unsichtbare Gewalt, die dich daran hindert. Wer soll das verstehen, wenn er es nicht selbst erlebt hat?
Ich werde nicht versuchen, Matt Haigs Eindrücke hier im Einzelnen wiederzugeben. Es ist besser, gleich das Buch zu lesen. Unverfälschter.
Depressionen müssen professionell behandelt werden
An dieser Stelle möchte ich auch darauf hinweisen, dass die Lektüre eines Buches keine mittlere oder gar schwere Depression heilen kann. Wenn du jetzt akut Hilfe benötigst, bitte ich dich auf dieser Seite das für dich passende Hilfsangebot zu suchen und in Anspruch zu nehmen.
Auch ist Haigs veröffentlichte Innenschau, wie er gleich zu Anfang betont, die Niederschrift seiner eigenen, persönlichen und subjektiven Erfahrungen.
“Depression sieht für jeden anders aus. […] Aber um nützlich zu sein, muss ein Buch nicht exakt unsere eigene Erfahrung der Welt beschreiben, [….] Doch ich habe über die Jahre herausgefunden, dass es mich tröstet, von anderen Menschen zu lesen, die Verzweiflung erlitten, überlebt und überwunden haben.”
Literatur und Bücher im Allgemeinen nehmen nach Ausbruch der Krankheit eine wichtige Rolle in Haigs Leben ein.
Er schreibt, dass er sie nicht einfach konsumiert, sondern regelrecht inhaliert.
Es helfe ihm, einen psychischen Zustand hinter sich zu lassen und Bausteine für Neues zu finden. Mit diesen Bausteinen möchte er sich etwas aufbauen: “[…] etwas, das ähnlich, aber besser ist, fast das Alte, aber mit stärkeren Fundamenten und häufig mit einer besseren Sicht.”
Haig spricht mir hier aus der Seele.
Einer, der vielen Gründe, warum es sich aus Haigs Sicht zu leben lohnt, sind Bücher.
(Er nennt noch viele andere gute Gründe und lässt dabei auch andere Menschen mit Depressionen zu Wort kommen.)
“Es gibt das Klischee, dass Leute, die viel lesen, einsam sind, aber für mich waren Bücher der Weg aus der Einsamkeit heraus.”
Einsam lässt einen die Krankheit oft sein, aber mit Depression bist du sicher nicht allein.
Haig hat in seinem Buch neben vielen Zahlen und wissenschaftlichen Fakten auch eine Liste mit Namen berühmter Menschen veröffentlicht, die an Depressionen leiden oder litten.
Die Liste hat mich nicht überrascht. Zumindest nicht, was die Länge anging.
Manche Namen darauf zu finden, fand ich dann wieder doch sehr überraschend.
Jim Carrey ist mein Lieblingsschauspieler. Ich mag seine ernsten Filme, wusste aber nicht um seine Prozac-Phase.
Vielleicht hilft dieses Wissen nicht, aber es hilft zu wissen, dass Depression jeden treffen kann und du nicht schuld an deiner Krankheit bist.
“Premierminister, Präsidenten, Cricketspieler, Stückeschreiber, Boxer und die Stars aus Hollywood-Komödien.”
Ruhm und Geld mache nicht gegen psychische Probleme immun, so Haig.
obwohl und weil
Damit wäre ich auch schon beim letzten Punkt, der mir wichtig scheint.
Es geht um die kleinen Wörtchen “obwohl” und “weil”. Der Autor schreibt dazu: “Oft wird das Wort “obwohl” verwendet, wenn die Rede von psychischen Krankheiten ist. So-und-so tat das-und-das, obwohl er an Depressionen/Phobien/Zwangsstörungen/Agoraphobie/ sonst was litt.”
Mit dieser Aussage möchte uns Haig nicht nur darauf hinweisen, wie schwer es ist, auf seine Krankheit reduziert zu werden und immer alles durch die “Er/Sie ist halt krank-Brille” zu sehen und zu bewerten.
Dieses Label durchzieht viele Bereiche und trübt oft das Selbstbewusstsein von Betroffenen.
Wer möchte schon hören, “du kochst gut, obwohl du ein Mann bist”. “Wow, du trainierst echt hart und das obwohl du eine Frau bist.”
Das Wörtchen “obwohl” hat eine einschränkende Funktion und die Frage ist, ob wir solch eine Einschränkung wirklich immer akzeptieren wollen und müssen.
Haig schreibt dazu ganz klar, dass es häufig sogar ein “weil” gäbe.
Die Fähigkeit zu schreiben hat ihm erst die Depression ermöglicht. “Vorher war ich kein Schriftsteller. Die Intensität, die ich brauche – um den Dingen mit unerbittlicher Neugier und Energie auf den Grund gehen zu können -, war vorher einfach nicht da.”
Egal ob wir eine Fähigkeiten trotz, aufgrund oder völlig losgelöst von einer Krankheit, Marotte oder Schwäche haben – im Mittelpunkt steht doch immer ein Mensch und diesem gilt unser Respekt.
Wichtig ist dabei vor allem der Respekt sich selbst gegenüber.
Der ist notwendig, um helfende Maßnahmen einzuleiten.
Mit diesem Gedanken möchte ich gern schließen. Schau dir das Buch bei Amazon an und entscheide selbst, ob es für dich und in deiner gegenwärtigen Situation geeignet ist.
In jedem Fall, sei gut zu dir und keep reading!
Danke an Matt Haig, für diese mutige Auseinandersetzung mit dem Leben und der Krankheit. Viele werden davon profitieren.
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5 Gründe, warum uns Lesen zu noch besseren Freunden macht
In unseren Breiten und in den allermeisten anderen Ländern der Welt auch, heißt das: Es ist Valentinstag.
In einem ganz besonderen nordischen Land jedoch nicht.
In Finnland wird am 14.2. nicht Valentinstag, sondern Ystävänpäivä gefeiert. Mal ehrlich, wieviele Wörter mit 4 “Ä”s kennst du noch?
Zu deutsch ist das der “Tag der Freundschaft”. Das nehme ich schon seit vielen Jahren zum Anlass, Freunden an diesem Tag eine liebe Botschaft zukommen zu lassen. Die allermeisten freuen sich darüber. Nur manche reagieren erstmal skeptisch.
Die Blumenindustrie und wunderbare amerikanische Romantikkomödien haben eben schon dafür gesorgt, dass wir am 14.2. unser Single-Dasein in Frage stellen oder unser schlechtes Gewissen polieren, wenn wir nicht das nötige Geschenk für unsere bessere Hälfte bereithalten.
Lasst uns den Tag der Freundschaft feiern
Ich jedenfalls bin total dafür, den 14.2. als “Tag der Freundschaft” auch hierzulande zu etablieren und habe mich deshalb zu einem passenden Blogartikel entschieden.
Lies weiter und erfahre, was dich die Literatur über wahre Freundschaft lehren kann.
Beginnen wir mit einem Zitat aus “Ein Baum wächst in Brooklyn” von Betty Smith: “Von da an gehörte ihr mit dem Lesen die Welt. […] Die Bücher wurden ihre Freundinnen, und für jede Stimmung gab es eines. Es gab Gedichte für stille Kameradschaft. Es gab Abenteuer, wenn sie die stillen Stunden leid war. Es sollte Liebesgeschichten geben, […], und wenn sie sich jemandem nahe fühlen wollte, konnte sie auch eine Biografie lesen.”
Die meisten von uns wissen längst, dass Bücher Freunde sind.
Aber wusstest du auch, dass Literatur dich zu einem besseren Freund machen kann? Nein? Na dann pass mal auf!
#1 Gedankenlesen
Die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt hat einmal in einem Interview in der Zeit gesagt, dass sie bereits so lange mit Paul Auster verheiratet sei, dass sie ziemlich genau seine Assoziationen in Gesprächen voraussagen könne.
Ich weiß nicht genau, wievielen von uns das so auf Anhieb gelänge, aber festhalten lässt sich, dass Lesen unsere Empathie-Fähigkeit stärkt.
Wer viel liest, kann sich besser in andere hineinversetzen und dadurch verständnisvoller handeln.
In Büchern begegnen uns vielfach neue Charaktere und im Gegensatz zur Realität haben wir es hier einfacher ihre Handlungsmotive und Bedürfnisse nachzuvollziehen.
Deine sozialen Kompetenzen werden verbessert und das wirkt sich auch auf deine Freundschaften aus.
#2 Geduld und innere Ruhe
Lesen macht dich gelassener. Nein, ich meine jetzt nicht den Roman “Es” von Stephen King oder irgendeinen anderen Psychothriller, der dir das Blut in den Adern gefrieren lässt.
Die meisten Romane haben einen beruhigenden Einfluss auf unser Gemüt. Studien zufolge reduziert Lesen nachweislich das Stress-Level und hat damit sogar einen positiven Effekt auf unsere Gesundheit.
Es gibt wohl keine Freundschaft, die völlig ohne Konflikte und Reibung auskommt. Gut, wenn wir dann nicht immer impulsiv, abwehrend oder aufbrausend reagieren, sondern Geduld aufbringen und mit der nötigen Gelassenheit das Gespräch suchen.
#3 Wissen und Informationen
Zweimal die Woche gehe ich mit einer sehr guten Freundin joggen. Wir haben ganz unterschiedliche Trainingsziele (ich gehe das Halbmarathontraining sehr gemütlich an, sie ist die Kämpferin), aber wir nutzen die gemeinsame Zeit um uns in vielen Bereichen auszutauschen und vom gegenseitigen Wissen zu profitieren.
Mein Herz macht dann jedes Mal einen kleinen Sprung, wenn ich bei einem aktuellem Problem mit einer kleinen literarischen Anekdote dienen kann und diese auch noch gut aufgenommen wird.
Lesen macht klüger und je mehr Informationen wir haben, desto fundierter werden unsere Ratschläge. Man muss nicht gleich den “Ulysses” oder den mehrbändigen Roman “Der Mann ohne Eigenschaften” gelesen haben, um bessere Einsichten ins Leben und in die Probleme unserer Mitmenschen zu gewinnen. (Zumal ich bei letzterem auch mit dem deutlich kürzeren Graphic Novel Vorlieb genommen habe.) Lesen bildet und deine Freunde werden dich für deine kluge Unterstützung lieben.
#4 Lesen vermittelt Toleranz und Offenheit
Wer viel liest, weiß um die unzählbaren Möglichkeiten, wie eine Situation enden kann.
Wir lernen ständig Neues und werden sensibilisiert für die Unwägbarkeiten des Lebens.
Literatur hat auch eine Vermittlungsfunktion.
Novalis hat das mal so beschrieben: “Die Geschichte scheint noch uneröffnete Augen in uns zu berühren – und wir stehen in einer ganz anderen Welt, wenn wir aus ihrem Gebiet zurückkommen.”
In der Literatur lernen wir Ideen, Menschen und Gedankengut kennen, das unserem Leben bislang fremd war. Und das nicht einmalig, sondern vielfach und in immer neuen Formen und Farben.
Schlau ist, wer die eigene Neugier beim Lesen, auch auf seine zwischenmenschlichen Beziehungen überträgt.
Davon kann eine Freundschaft nur profitieren.
#5 Authentizität und Mut
Bücher haben etwas inspirierendes.
Lesen wir von mutigen, selbstbewussten Menschen, bekommen wir Lust ähnlich mutig und selbstbewusst aufzutreten.
Und es fällt uns leichter zu uns selbst und unseren kleinen Marotten zu stehen.
Ich muss dabei sofort an Bridget Jones und ihre Miederhöschen denken. Die wurde doch auch geliebt, trotz ihrer Unsicherheit und kleinen Macken.
Und vielleicht sogar genau deshalb.
Schokolade zum Frühstück und dann auch noch mit Hugh Grant oder Colin Firth im Bett landen? Die Bücher über die sympathische Tollpatschin haben mich einiges über Ansprüche und Erwartungen gelehrt.
So schafft es die Literatur, dass wir uns selbst nicht mehr arg so ernst nehmen und ein bisschen lockerer durchs Leben gehen.
Das strahlst du natürlich auch nach außen aus und deine Freunde freuen sich umso mehr über deine Gesellschaft.
In diesem Sinne wünsche ich dir einen Hyvää ystävänpäivää! (Jetzt sind es sogar schon fünf “Ä”s in einem Wort!)
Fröhlichen Freundschaftstag! Sei dir selbst ein guter Freund und gönn’ dir bald wieder ein gutes Buch!
Du hast es verdient.
Höre nicht auf zu wachsen
Dieser Baum kann ein Bild für viele Vorgänge im Leben sein und wird aufgrund seiner symbolischen Bedeutung zum Beispiel manchmal am Hochzeitstag gepflanzt.
In diesem Zusammenhang steht er für Liebe, Fruchtbarkeit und Treue. Er bietet Schutz und Gastfreundschaft. Und er strahlt Ruhe und Geborgenheit aus. Wälder bieten Zuflucht und Entspannung. Der Waldspaziergang hat fast immer auch etwas meditatives.
Als ich noch klein war und auf dem Land groß geworden bin, waren Bäume allgegenwärtig. Da gab es Apfelbäume auf dem Hof, Kastanien im Dorf und hin und wieder sind wir mit der ganzen Familie zu den Ivenacker Eichen gefahren.
In diesem Park stehen über 1000 Jahre alte Eichen, die wahnsinnig dicke Stämme haben und jede für sich eine Geschichte erzählen.
Natürliches Wachstum im Hinterhof
Im Roman “Ein Baum wächst in Brooklyn” von Betty Smith kommt schnell die Vermutung auf, dass der Baum im Titel eben für unsere Hauptfigur Francie steht.
Es ist Francie, die in Brooklyn aufwächst. Sie erzählt uns von diesem Baum im Hinterhof, der den für natürliches Wachstum denkbar schlechtesten Bedingungen ausgesetzt ist.
Trotzdem wächst und gedeiht dieser Baum als wüsste er nicht, dass die Welt da draußen – außerhalb seines Hinterhofes – anderen Bäumen viel schönere Plätze zugedacht hat.
Ich habe “trotzdem” geschrieben und bin nicht sicher, ob ich damit “genau deshalb” meine. Darauf komme ich gleich nochmal zu sprechen.
Wir sind alle ein bisschen Francie
Ich möchte erstmal von Francie erzählen und davon welche Kraft und Inspiration in diesem kürzlich neu aufgelegten Roman liegt.
Wer, wie ich das getan habe, ein wenig über die Autorin Betty Smith recherchiert, wird schnell gewahr, dass es sich hier um eine fiktive Geschichte mit starken autobiographischen Elementen handelt.
Betty Smith, geboren 1896 als Elizabeth Lilian Wehner, beendete ihren ersten Roman 1943 und landete einen Bestseller. Wenige Jahre später erschien “Ein Baum wächst in Brooklyn” auch in Deutschland und wurde kürzlich neu übersetzt.
Sehr gelungen, wie ich finde. Und völlig zu recht neu aufgelegt.
Es ist ein dickes Buch und die Zeit, die ich mir dafür nehmen musste, lohnt sich.
Francie ist nicht einfach irgendein Mädchen, das sich aus ärmlichen Verhältnissen herausarbeitet und es im Leben zu etwas bringt.
Francie Nolan ist dieser Baum, der allen Hindernissen zum Trotz wächst und gedeiht und etwas erschafft, das anderen Menschen Hoffnung, Zuversicht und Geborgenheit bietet.
Dieses Buch hat mich tief berührt. Wer war diese Francie Nolan?
Im Buch finden wir folgende Aussage: “Sie war die Bücher, die sie in der Bücherei las. Sie war die Blume in der braunen Schale. Ein Teil ihres Lebens bestand aus dem Baum, der im Hinterhof üppig spross. Sie war die bitteren Streitereien, die sie mit ihrem innig geliebten Bruder hatte. Sie war Katies heimliches, verzweifeltes Weinen. Sie war die Scham ihres Vaters, wenn er betrunken nach Hause wankte.”
Ich finde es wunderbar, dass dieses Zitat mit den Büchern beginnt, die Francie Tag für Tag regelrecht aufsaugt. “Ein Baum wächst in Brooklyn” ist ein bibliophiles Werk, welches Lesen und Bildung immer wieder zum Gegenstand macht und aufzeigt, dass eben darin das Geheimnis von Erfolg liegt.
Es geht dabei nicht in erster Linie um finanziellen Erfolg – auch wenn Armut und die damit verbundenen Übel eine wichtige Rolle im Roman spielen.
Kurz nach der Geburt von Francie wendet sich ihre Mutter Katie an ihre eigene Mutter Mary.
Die Geburt war sehr qualvoll und die Sorgen um das kleine Wesen, das gerade das Licht der Welt erblickt hat, wachsen in dem Maße wie der Vater Johnny die Familie ohne schlechten Willen im Stich lässt.
Katie möchte mehr für ihre Tochter als sie selbst hatte und bittet ihre Mutter um Rat. Sparen ist der eine Rat, den sie bekommt. Sparen und irgendwann einmal ein kleines Stückchen Land kaufen, das die Kinder erben können.
Der zweite Rat wiegt schwerer. “Dann muss es jeden Tag lesen, und das ist das Geheimnis, das weiß ich.”
Es handelt sich um ein sehr bedeutendes Gespräch. Es geht an dieser Stelle im Buch um Bildung und mit ihr um Möglichkeiten. Nicht einfach weil ein Schulabschluss Türen öffnet.
Es geht um viel mehr.
Es geht darum, diese Möglichkeiten kennenzulernen, Horizonte zu erweitern und Perspektiven offen zu legen.
“Weil das Kind etwas Wertvolles braucht, was man Phantasie nennt. Das Kind braucht eine geheime Welt, in der Dinge leben, die es nie gegeben hat.”
An einer anderen Stelle im Buch erklärt Katie ihrer Tochter Francie, dass sie zwar arm sind wie alle anderen im Viertel, dass sie aber dennoch besser seien, denn sie würden die Dinge verstehen.
Hindernisse und Desillusionierungen
Mit diesen “Dingen” ist das Leben gemeint und viele Vorgänge, die unreflektierten Menschen verborgen bleiben. Ich möchte jetzt auf das “trotzdem” zurück kommen, das ich eingangs erwähnte.
Francie geht durch die harte Schule des Lebens.
Wir verfolgen ihren Weg seit der Geburt und lernen ihre Tanten (Sissy schließt man sofort in sein Herz) und den Rest der Familie kennen.
Wir ertragen alle Hindernisse und Desillusionierungen mit ihr, als wären wir dieses Mädchen, das Bücher zu ihren wahren Freunden erklärt. Der Aufbruch in ein besseres Leben vollzieht sich jedoch nicht nur trotz der Hindernisse.
Er vollzieht sich, weil Francie all diese Hindernisse erlebt hat und die Welt deshalb mit anderen Augen sieht. Den Satz ihrer Mutter “Wir können nichts anderes werden als das, was wir heute sind” straft Francie Lügen. Sie ist stark aufgrund und eben nicht nur trotz der Dinge, die sie durchgemacht hat.
Mit ihnen sind ihre Empfindungen gewachsen und ihre Motivation ihrem Leben Sinn zu verleihen.
Es ist wahrlich nicht einfach unsere ganz persönliche Angst vor den eigenen Grenzen zu überwinden.
Unsere Eltern, die Gesellschaft und wir selbst schüren Erwartungen, die tief eingesickert sind in unser Wesen und die nicht mal eben aus der Welt zu schaffen sind.
Umso wichtiger, dass es diese Kräfte gibt, die uns helfen uns zu sammeln, zu reflektieren und zu motivieren.
“Ein Baum wächst in Brooklyn” ist ein kraftvoller Roman, der dir Lust machen wird, Neues auszuprobieren, Mut zu beweisen und Dinge zu tun, die dir andere und du selbst vielleicht gar nicht zugetraut haben.
Danke, Betty Smith, für dieses grandiose und leidenschaftliche Lebenswerk.
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Wo ist dein Platz in dieser Welt?
Das ist in der heutigen Zeit anders.

Ein verständlicher Wunsch: Eine Hand, die uns hält und trotzdem frei lässt.
Wir müssen uns jeden Tag selbst entscheiden im Meer der Möglichkeiten wo unser Platz ist. Die Suche nach der eigenen Identität beschäftigt uns alle in der ein oder anderen Lebensphase.
Die Berliner Jungautorin Julia Zange zeigt uns in ihrem Roman „Realitätsgewitter“ was es heute bedeutet nicht zu wissen, wohin mit sich.
Das Lesen dieses Buches wird dir bei deiner eigenen Suche möglicherweise keine Hilfestellung bieten. Du möchtest sicher auch gar nicht, dass dir jemand so wichtige Entscheidungen abnimmt. Erfahre in diesem Artikel, warum sich die Lektüre des Romans für dich trotzdem lohnt.
Sich nichts vorschreiben lassen
Vielleicht wollen wir nicht, dass uns jemand vorschreibt, was wir tun und lassen sollen. Aber manchmal einen Mensch an der Seite, der uns sagt, es sei okay nicht immer das Ruder in unserem Leben selbst in die Hand zu nehmen … Das wünschen wir uns hin und wieder schon.
Vor kurzem erzählte mir eine Freundin von einem bekannten Psychologen, der sich öffentlich darüber äußerte, dass heute viele Menschen mit Existenz- und Zukunftsängsten in seine Praxis kommen. Er fände das bedauerlich und überraschend, wo doch die Existenz heute kaum Risiken unterworfen sei. Wir können heute alles tun, so der Psychologe.
Marla, Julia Zanges Protagonistin in „Realitätsgewitter“, empfindet die Vielzahl der Möglichkeiten nicht als Chance. Die Angst, diesen Möglichkeiten nicht gerecht zu werden, setzt sie unter Druck. Ein abgebrochenes Studium, das unbefriedigende Praktikum, Freunde, auf die man sich nicht richtig einlässt, weil sie sich nicht auf dich einlassen.
Am nächsten ist uns immer noch das Smartphone und verstecken können wir uns hinter einer Social-Media-Selbstinszenierung, die mit dem digitalen Wahnsinn einhergeht.
Optimierung des Selbst
In dem Roman geht es auch um die bedrückende Oberflächlichkeit, die oft nicht reicht um die eigene soziale Energie genutzt zu wissen. Die freiwillig auferlegte Selbstoptimierung erzeugt einen Druck, der früher oder später in ein Leere-Gefühl münden kann. Nämlich dann, wenn mit der Optimierung des Selbst nichts erreicht wird. Oder zumindest nicht das, was wir uns einst erhofften.
Die Autorin Zange hat mit ihrer Geschichte das Leben in Zwischenstationen beleuchtet. Marla sammelt fleißig Erfahrungen (Sex, Drogen, Parties) von denen sie nicht genau sagen könnte, welche nun wichtig fürs Wachsen sind und welche retrospektiv als Ballast wahrgenommen werden.

Die Suche nach der eigenen Identität lässt uns schon mal große Reisen antreten.
Wissen zu wollen, wer man eigentlich ist.
Das Leere-Gefühl abschütteln. Wie gelingt uns das? Wissen wir einfach irgendwann woran wir sind? Wird aus der Ziel- und Orientierungslosigkeit einfach so irgendwann ein unbefristeter 40Stunden-Job und eine Kleinfamilie mit Wochenendurlauben im Spreewald? Und wer sagt uns, dass wir uns dann nicht wieder eingeengt fühlen?
Das Gefühl der Leere ist ja in vielen Fällen vorübergehend. Mit Alkohol oder anderen Substanzen darüber hinweg zu helfen, bringt meist nicht viel. Schöne Literatur wirkt an dieser Stelle schon weitaus nachhaltiger, wie ich finde.
Das Lesen tiefer, klug-recherchierter Geschichten macht es im Alltag schon mal leichter vorübergehende Missstände zu ertragen und sich selbst in seinen Handlungen zu beobachten. Das klingt kompliziert, aber lässt sich ganz einfach herunterbrechen:
Lesen fördert Achtsamkeit. Und diese Achtsamkeit überträgt sich auch auf unser Leben, unsere Bedürfnisse und Entscheidungen.
Los geht’s auf Identitätssuche
Kommen wir zurück zum Buch von Julia Zange. Es geht natürlich um die Suche nach der eigenen Identität. Im Buch wie im Leben: Manchmal reicht es nicht mehr, was wir gerade leben.
Marla: „Ich hatte mir das alles anders vorgestellt. Ich hatte eine ganz andere Vorstellung, was so ein Leben sein könnte.“ Dann will man mehr und hat gleichzeitig Angst vor dem was noch kommt oder nicht kommt. Schließlich kannst du dich auch verloren und nirgendwo zugehörig fühlen, wenn du keine Drogen nimmst oder regelmäßig Alkohol trinkst.
Manchmal wird uns einfach so alles zuviel.
Marla ist wie du und ich auf der Suche nach Freundschaften und Menschen, die uns bereichern und von denen wir gerne umgeben sind. Freundschaften sind existentieller Bestandteil unseres Glücks. Auf Garantien im Leben müssen wir verzichten: beim Job, Partnerwahl und eben auch bei Freundschaften.
Die Beliebigkeit, Schnelllebigkeit und Oberflächlichkeit, die Marla in Stress versetzt, kennst du die auch? Zange schreibt: „Für den Rest des Abends schweigt mein Telefon. Obwohl ich 1675 Facebook-Freunde habe.“
Neben der Identitätssuche wird auch das Thema Familie in „Realitätsgewitter“ (der Name ist Programm) unter die Lupe genommen. Als ich in einem Artikel über den Versuch einer einstweiligen Verfügung durch die Eltern von Julia Zange las, glaubte ich vorerst an eine PR-Maßnahme. Mit voranschreitender Lektüre und immer mehr Beklemmung in der Brustgegend scheint mir das nun nebensächlich. Familie prägt und formt uns und manchmal geht das gut, ganz oft – so auch bei Marla – eben nicht. Wenn du das Gefühl hast, auch noch ein paar Komplexe und Probleme aus deiner familiären Vergangenheit verarbeiten zu müssen, dann stöbere gerne mal hier.
Marla fühlt sich von ihrer Familie nicht gesehen. Ihre Mutter, vermeintliche Psychopathin, hört kaum zu: „Ich könnte ihr erzählen von all dem Schmerz in den letzten zwanzig Jahren, ich könnte ihr von der Einsamkeit, von den Albträumen, von den Bauchschmerzen, von der Hilflosigkeit, der Wut, den Schnitten, den Tränen […] der Schlaflosigkeit erzählen, es würde nichts ändern.“
Je weiter ich las, desto mehr hoffte ich am Ende doch mit etwas Zuversicht für Marla die Lektüre beenden zu können. Frau Zange lies mich nicht im Stich.

Marla fährt ans Meer, um den Kopf frei zu bekommen.
Sehnsucht und Zuversicht
Auch wenn die Angst vor falschen Entscheidungen, Türen, die geschlossen werden und dem großen Unbekannten, das sich Zukunft nennt, die Gedanken einnebelt – Hoffnung, Sehnsucht und Zuversicht weichen hoffentlich nie von deiner Seite.
Warum auch vor etwas Angst haben, das noch gar nicht eingetreten ist. Warum nicht doch mal wieder selbst das Ruder in die Hand nehmen? Lesen verleiht dazu den Mut und zeigt die Kraft in dir auf, die du für dein Leben brauchst.
Julia Zanges Buch liest sich, als hätte sie beim Schreiben nicht einmal Luft geholt. Die Lektüre war für mich ein zum Teil anstrengendes, aber lohnenswertes Abenteuer. Nicht zuletzt, weil ich Berlin als Schauplatz für Geschichten immer sehr nice finde.
Egal ob du jetzt zur Generation x, y, z gehörst (ist das Teil unserer Identität?) – „Realitätsgewitter“ regt zum Nachdenken an und lenkt auch schon mal von den eigenen Unzulänglichkeiten ab. Viel Spaß beim Lesen.
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Krankheit verstehen und den Schmerz aussprechen
So schwer wie das Schreiben dieses Artikels fiel mir auch die Lektüre des Buches. Und nein – das spricht nicht gegen das Buch. Es bedeutet einfach, dass es hier um ein sehr schwieriges Thema geht und ich diesem gerecht werden möchte. Und dem Buch natürlich.
Es geht um Krebs und das Leben mit der Diagnose. Warum es in so einer schwierigen Lebensphase gut für dich ist, ein Buch zu lesen und warum vielleicht „Halt auf Verlangen“ das richtige dafür ist, erfährst du in diesem Artikel.
Nachdenken und reflektieren
Bücher sind so individuell wie ihre Leserinnen und Leser und die dazugehörigen Leseintensionen. Es gibt Phasen da wünschen wir uns Wohlfühllektüre. Vielleicht für diese regnerischen Tage an denen eine Decke, eine Tasse Tee und ein Buch genau das richtige sind. Moodboosting sagt man auch dazu. Die Laune beispielsweise durch Lesen heben.
Aber immer ist uns nicht danach den Blick nur auf das Positive zu lenken. Es gibt auch Tage und vielleicht Themen, die halten uns zum Nachdenken an, zum Reflektieren und zur tiefen Beschäftigung mit uns selbst und dem was uns gerade in Atem hält.
Die Krankheit Krebs ist immer Auslöser für eine neue Perspektive auf das Leben. Solch eine weitreichende Diagnose zu bekommen, lässt uns fragen, was es bedeutet am Leben zu sein und manchmal auch, wie lange wir noch Gelegenheit haben, am Geschehen um uns herum teilzunehmen.
Ich habe einige Erfahrungsberichte im Internet gelesen und bin auf einen Beitrag gestoßen, der kritisierte, dass oft im Gespräch über die Krankheit, nicht genug Raum für Ängste sei. Also dafür auch mal offen über das Unheil zu sprechen, dass der Krebs mit sich brächte.
„Halt auf Verlangen“ ist ein Buch, welches den Ängsten, dem Schmerz und der Tragik einer lebensgefährlichen Krankheit Raum gibt. Der Raum entsteht durch Worte und Worte sind es oft, die bei schwierigen Themen fehlen. Nicht immer ist es eine bewusste Tabuisierung, die zum Schweigen führt. Manchmal wissen wir auch nicht, was wir sagen sollen und wie wir etwas benennen können.
Literatur macht das Unsagbare sagbar, so Ilse Orth, eine der Begründerinnen der deutschsprachigen Bibliotherapie.
Um Worte und darum, die richtigen für das Falsche zu finden, geht es auch im Roman von Urs Faes. Ein langer Buchanfang ließ offen, wohin der Autor mit seinen Beobachtungen möchte und dann ganz plötzlich fand ich mich in einer detaillierten Beschreibung der Nebenwirkungen eines Krebsmedikamentes wieder.
Spätestens an der Stelle wurde mir klar, dass es hier eben nicht um eine „Feel-Good-Mentalität“ geht. Kein „Halte durch und alles wird gut“. Und das wurde auch auf den späteren Seiten des Buches nicht besser. Harter Tobak, würde ich sagen. Ein Buch, dass ich nicht allen bedingungslos empfehlen kann.
Ein Buch muss zu dir passen
Letztlich passt kein Buch zu jeder Leserin und jedem Leser und vielleicht bist du trotzdem neugierig, wie dir ein schwieriges Buch in einer noch viel schwierigeren Lebensphase weiterhelfen kann. Dann lies gerne weiter.
„Jeder Atemzug ist kostbar. Leben.“
Der Autor, der in „Halt auf Verlangen“ seinen eigenen Kampf mit dem Krebs reflektiert und thematisiert, berichtet von einem für Krebskranke ganz typischen Verhalten: das Leben im Moment und das Fehlen von Plänen für die Zukunft.
Das klingt dann zum Beispiel so bei Faes: „Einer, der sich zusah, wie er sich ängstlich durch die Straßen bewegte, langsam, als suche er etwas, das ihm abhandengekommen war, etwas, das er damals in Berlin noch besessen hatte? Was war ihm abhandengekommen? Das alltägliche Leben, die Gewöhnlichkeit, das Recht zu leben?“
Das besonders letzteres nicht zutrifft, wird deutlich, wenn wir in Faes‘ Gedankenwelt eintauchen. Die Krankheit, die Therapie, Ärzte und Krankenschwestern: all das bildet den Rahmen und stellt die Bedingungen.
Aber der Kern sind Erinnerungen und das Nachdenken darüber, was denn sein Leben bis zu diesem Zeitpunkt ausgemacht habe. Das Nachdenken über Liebe, über Familie und über Lebenswünsche.
Mit einer stillen Kraft, die das gesamte Buch durchzieht, wird in diesem Roman eine sehr menschliche Innenschau betrieben, die keine Scheu vor Melancholie, Reue und Enttäuschung zeigt. Das liest sich auch mal schwerfällig, aber die Worte sind wohl gewählt und keinesfalls dem Zufall oder gar dem Frust entsprungen. Bewusstheit siegt jedoch auch hier über Kontrolle.
Trotz allem kann unser Protagonist noch lächeln und gerade die kleinen Dinge gewinnen in seinem Leben wieder an Bedeutung.
Auch wenn das Buch in unserem Jahrhundert spielt, in einer Zeit in der unsere Aufmerksamkeit zu großen Teilen dem Smartphone gilt, erhalten wir den Eindruck in eine andere Zeit versetzt zu sein. Nicht zuletzt die Rückblicke auf eine zugegebenermaßen mühsame und auch schmerzhafte Vergangenheit steuern zu diesem Eindruck bei.
Es ist ein trauriges Buch. Keine Frage. Und es ist ein literarisches Werk, das dem Wunsch dem Leben schreibend zu begegnen entsprungen ist.
Worte spielen eine ganz wichtige Rolle und bilden ein immerwiederkehrendes Motiv: „Und du wehrst dich mit Worten gegen das Entschwinden deines Lebens, als könntest du aufhalten, was sich verlieren will. Kannst du? Glaubst du, du kannst? Mit Worten gegen lähmende Angst, Verzweiflung? Gegen Dosen und Diagnosen?“
Was folgt auf die Krebsdiagnose? Krankenhausaufenthalte, Chemotherapie, Arztbesuche, Verzweiflung, Hoffnung? . . .
Auseinandersetzung!
Urs Faes hat erkannt, dass das Schreiben dem Wahnsinn und der Angst begegnen kann und vielleicht liest du dieses Buch und merkst, dass du von all dem was dich eh schon so stark beherrscht, nicht noch mehr lesen und hören möchtest. Vielleicht liest du aber auch das Buch und lässt dich inspirieren selbst zu schreiben, weil du erfahren hast, dass es Worte gibt, die dein Leid beschreiben können und dass in dem Schreiben und Mitteilen wahrer Trost, Halt und Zuflucht liegt. Im Blog werde ich bald einen Artikel zur Poesietherapie veröffentlichen: dabei geht es darum, wie selber schreiben, in einer schwierigen Situation helfen kann.
Was für dich das richtige ist, das weisst nur du. Schau dir das Buch zum Beispiel mal bei Amazon an und entscheide dann ob es dich weiterbringt und dir helfen kann. Schreib mich gerne an, wenn du Fragen dazu hast oder eine Beratung möchtest.
In jedem Fall wünsche ich dir, dass du Worte findest, denn das Sprechen und auch das Lesen helfen. Mit der Diagnose Krebs kannst du dich sehr allein fühlen und Bücher helfen oft gegen die Einsamkeit.
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Das willst du wirklich
Kennst du das auch, dass du tagsüber ein paar schöne Eindrücke bekommst, aber das worüber du abends grübelst, das ist die eine negative Sache, die du erlebt hast?
Ganz normal.
Dem sind wir nun ausgeliefert. Das heißt aber nicht, dass du deine Konzentration auf die schönen Dinge im Leben nicht trainieren könntest. Ein bisschen Achtsamkeit und vielleicht das ein oder andere schöne Buch können da bestimmt weiterhelfen.
Existenzsorgen sind uns quasi eingepflanzt.
Interessant ist, dass ganze Nationen sich in ihren Mustern ähneln. Deutschen wird beispielsweise nachgesagt weniger leichtfüßig aufzutreten als Italiener. Stereotype? Vielleicht ein wenig. Vielleicht ist aber auch ein bisschen was dran. Zumindest lässt sich festhalten, dass die meisten von uns einen Plan lieber noch einmal und noch einmal durchdenken, die Vor- und Nachteile abwägen, bevor wir eine Entscheidung treffen. Und meistens entscheiden wir uns dann zugunsten von Stabilität und Existenzsicherung.
Dass wir in einer Zeit leben, in der wir uns weit weniger sorgen müssten, als wir tatsächlich tun, habe ich ja bereits in einem anderen Artikel beschrieben. Selbstverwirklichung ist ein viel gegoogelter Begriff und trotzdem ist es manchmal gar nicht so einfach seinem Herzen zu folgen. Wer nun Inspiration in der Literatur sucht, wird schnell fündig. Ich würde sagen, dass es in sehr vielen Büchern um Menschen geht, die genau das tun: den eigenen Weg gehen.
Autorinnen und Autoren haben wahrscheinlich dank ihrer Auffassungsgabe und Menschenkenntnis ein ganz besonderes Gespür dafür, Ängste, Sorgen und Sehnsüchte der Menschen zu analysieren und zu beschreiben.
In diesem Artikel soll es um ein Buch gehen, welches vermutlich eher die weibliche Leserschaft von Literaturpower anspricht: “Das Glück der fast perfekten Tage” von Fioly Bocca. Grundsätzlich halte ich nicht viel von Geschlechtertrennung bei der Literaturauswahl, aber wenn ich so überlege ob ich dieses Buch eher einem lieben Freund oder einer lieben Freundin schenken würde, dann fiele meine Entscheidung recht deutlich auf letzteres.
Leidenschaft und Selbstverwirklichung
“Das Glück der fast perfekten Tage” spielt in Italien und die Autorin ist Italienerin. Die Sorgenfülle unserer Protagonistin Anita mutet mir recht deutsch an, womit meine These von oben vielleicht widerlegt ist. Anita hat es nicht leicht. Ihr Job erfüllt weder sie noch ihren Geldbeutel, ihr Freund ist oft abgelenkt, die Beziehung muss ohne Leidenschaft auskommen und Anitas Mutter ist im Endstadium ihrer Krebserkrankung.
Die Beziehung zu ihrer Mutter spielt eine wichtige Rolle im Roman und bestimmt die Grundstimmung der Lektüre.
Ich habe diesen sanften und sehr ruhigen Roman bewusst für das Thema Selbstverwirklichung gewählt, weil ich glaube, dass der Buchmarkt schon dermaßen überflutet ist mit Motivationsratgebern, dass eine stille, unaufdringliche Geschichte nochmal auf anderen Ebenen berühren und nachdenklich stimmen kann.
Anita leidet sehr unter der Krankheit ihrer Mutter. Indem sie dieser in täglichen Emails eine heile Welt vortäuscht, wird ihr nur immer mehr bewusst, wie trübsinnig und verfahren ihre Beziehung im Speziellen und ihr Leben im Allgemeinen sind.
Für mich als Leserin hat die Krankheit der Mutter zudem einen kontrastierenden Effekt: Die Vergänglichkeit des Lebens wird vor Augen geführt und damit die Zeit, die uns bleibt noch wertvoller.
Anita lernt im Zug den Kinderbuchautoren Arun kennen. Die Begegnung bleibt nicht ohne Folgen. Die neue Bekanntschaft scheint in ihr etwas aufzuwecken, was sie längst nicht mehr an sich selbst wahrgenommen und wertgeschätzt hatte: “Die Lust zu erzählen, zuzuhören, tiefer zu schürfen, ist so groß, dass ich gar nicht bemerke, wie heiß das Telefon an meinem Ohr wird und dass der Abend in die dunkle Nacht übergeht.”
Arun schafft es Anita mit seinen Worten und seinem Handeln in besonderer Weise zu überraschen. Es stellt sich heraus, dass es diese Impulse waren, die Anita brauchte um ihrem längst eingefahrenem Trott ein Ende zu setzen.
Ich muss an dieser Stelle vielleicht einräumen, dass mich im Buch die ein oder anderen Längen störten und auch die Handlungsstränge hier und da konstruiert wirkten. Vieles andere – nicht zuletzt der nahezu poetisch-rührende Schreibstil – machten die Lektüre des Buches trotzdem zu einer angenehmen Beschäftigung. Schön fand ich die besondere Hervorhebung von Vornamen und ihren Bedeutungen. Die Kollegin Angela (von angelus, der Bote) ist dann nicht zufällig immer wieder die Überbringerin wichtiger Nachrichten.
“Könnte die Zukunft mich anrufen, so hätte sie mir alle Fragen beantworten können, aber ich weiß, dass ich diese Antworten auf meiner Reise selbst finden muss.” Anita reflektiert immer mal wieder, was die Zukunft oder auch das Schicksal ihr mitteilen würden, wenn diese es könnten. Damit wird die Tatsache betont, dass es immer Dinge gibt, die uns zurückhalten.
Mit ein bisschen mehr Weitsicht, Gelassenheit und Zuversicht gestehen wir uns womöglich etwas mehr von dem Luxus zu, der sich Selbstverwirklichung nennt.
Was ist Selbstverwirklichung überhaupt
Ich habe vorhin mal kurz meinen Bruder gefragt, was er denn mit Selbstverwirklichung verbinde: “Schwierig…hmmm…kann ich dir grad auf Anhieb nichts sagen….ich denk grad nur in Klischees.”
Bei meiner Recherche fand ich es wirklich verwunderlich, wie schwer wir Menschen uns mit Themen wie persönliche Freiheit, Entwicklung und Verwirklichung unserer Träume tun.
Man könnte meinen wir leben in einer Erlebnisgesellschaft, aber dann auch eigentlich wieder nicht. Wir “gönnen” uns Reisen, Gadgets und teure Konzertkarten, aber wenn es darum geht individuelle Entscheidungen zu treffen, die den Verlauf des weiteren Lebensweg bestimmen, sind wir weniger großzügig mit uns selbst.
Ich habe ja eine Vorliebe für Motivationssprüche und kürzlich las ich irgendwo, dass uns interessante Dinge passieren, wenn wir interessante Dinge tun. Anita geht diesen Weg und sammelt ihren Mut zusammen, um ihrem Leben wieder mehr Freude und Spannung zu geben.
Liebe, Beziehung und Nähe umfassen nur einen Bereich von vielen in denen wir Mut brauchen, um uns und unsere Muster zu ändern. Um diesen Mut zu finden hilft schon mal die Inspiration eines schönen Buches.
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Wie fühlt sich eine Scheidung an?
„Du bist ein liebenswerter Mensch.“ – Diesen Satz schreibe ich in den letzten Wochen immer wieder einem guten Freund. Er steckt mitten in einer schweren Trennung und braucht Zuspruch. Wer einmal vor den Scherben einer Beziehung stand, weiß, wie sehr Worte manchmal tragen können.
Auch Jan Fleischhauer beschreibt in seinem autobiographischen Roman „Alles ist besser als noch ein Tag mit dir“ die dunkelste Zeit seines Lebens: seine Scheidung. Rückblickend wünschte er sich jemanden, der ihm unermüdlich zuflüsterte, er sei ein liebenswerter Mensch. Ein einfacher Satz, er viel bewirkt.
Scheidung verarbeiten: Wie ein Buch dich begleiten kann
„Liebe macht mehr Vergnügen als die Ehe. Romane sind auch unterhaltender als die Geschichte.“
So schrieb im 18.Jahrhundert Nicolas Chamfort. Ich mag ja die Franzosen und ihre Literatur. Sie ist oft klug und witzig, allzuoft aber auch zynisch. Warum also nicht zur Literatur greifen?
Eine Scheidung fühlt sich oft an wie ein Sturz ins Bodenlose. Verletzlichkeit, Chaos, Scham, Wut – kaum jemand kennt uns so gut wie der Ex-Partner, und deshalb treffen die Stiche tiefer als anderswo. Genau in dieser Phase kann es helfen, in den Erfahrungen anderer Menschen ein Spiegelbild der eigenen Gefühle zu finden.
Fleischhauers Buch ist kein klassischer Ratgeber, eher ein persönlicher Rückblick. Aber gerade darin liegt sein Wert: Man erkennt, dass man mit Verzweiflung, Selbstzweifeln und widersprüchlichen Gedanken nicht allein ist.
„Die Gewissheit, nicht allein zu stehen, spendet Trost. Wenn es anderen genauso geht wie einem selber, kann man sich sagen, dass man nicht der einzige Trottel ist, dessen Welt gerade in Scherben fällt.“
Dieses Zitat zeigt, wie Humor und Selbstironie inmitten einer Krise entlastend wirken können.
Scheidung: Wut, Frust, Enttäuschung – und irgendwann ein Neuanfang
Wer sich durch Foren und Erfahrungsberichte klickt, stößt fast zwangsläufig auf massive Wut, tiefe Frustration und unzählige Enttäuschungen. Das Buch kann hier wie eine kleine Pause wirken – ein Rückzug in eine Sprache, die den Schmerz benennt, aber auch mit einem Schmunzeln begleitet.
Natürlich ersetzt keine Lektüre eine Therapie, ein Gespräch mit Freunden oder professionelle Unterstützung. Doch Bücher können eine Art Zwischenschritt sein: Sie helfen, die eigenen Gefühle zu sortieren, bevor man sie mit anderen teilt.
Vom Ende zur Entliebungsgeschichte
Jede Trennung ist auch eine „Entliebungsgeschichte“. Das Ende einer gemeinsamen Liebe ist selten ohne Reue und Enttäuschung. Erst mit der Zeit wird aus dem „Danach“ ein „Davor“ und irgendwann entsteht Raum für Neues.
Die Frage bleibt:
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Wie geht es weiter?
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Kann ich wieder vertrauen?
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Lohnt es sich, wieder zu heiraten?
Antworten darauf findet niemand sofort. Aber Geschichten wie diese können Mut machen, den ersten Schritt aus der Schockstarre heraus zu wagen.
Eine Scheidung, ein Buch.
Dieses Buch kann Begleitung sein: humorvoll, ehrlich und manchmal schonungslos. Wer mitten im Chaos steckt, spürt beim Lesen:
„So allein bin ich nicht.“
Und genau darum geht es in Zeiten der Trennung: nicht den Glauben zu verlieren, dass hinter den Scherben irgendwann ein Neuanfang wartet.








